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„Gender Mainstreaming“ : Der kleine Unterschied

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Es ist fraglich, ob Ron und Janet Reimer überhaupt begriffen hatten, daß Money kein Körpermediziner, sondern Psychiater war. Der plastische Chirurg, der am 3. Juli 1967 ihr 22 Monate altes Kind kastrierte und aus der Haut seines Hodensacks rudimentäre Schamlippen formte, handelte nicht selbständig. Er wirkte nur ausführend an einer psychotherapeutischen Behandlung mit. Das Skalpell diente als psychiatrisches Instrument. Aber das durfte Bruce, der fortan „Brenda“ heißen sollte, nie erfahren. Money schärfte dem Ehepaar Reimer ein, daß die Geschlechtsneuzuweisung nur gelingen konnte, wenn der Junge fortan konsequent als Mädchen erzogen würde. Deshalb mußte ihm die Operation verschwiegen werden. Alle, die wußten, was „Brenda“ im zarten Alter zugefügt worden war, mußten ihn (und seinen Zwillingsbruder) darüber belügen.

Daß ein Zusammenwirken von Messer und Lüge sich für einen Menschen als heilsam erweisen soll, klingt befremdlich. Man muß daran glauben wollen, braucht ein starkes Motiv, um es für möglich zu halten. Bei den Eltern Reimer lag es auf der Hand. Doch Moneys Theorien fügten sich auch in die progressive Zeitströmung, in eine über Jahre erregt geführte Debatte über den Vorrang des Einflusses von Natur oder Kultur auf den Menschen. Sie läßt sich bis zu Sigmund Freud zurückverfolgen. Man kann darin aber auch eine Gegenbewegung gegen die radikalen Erblehren erblicken, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts vorgeherrscht und furchtbare Früchte getragen hatten - und in den Vereinigten Staaten Mitte der sechziger Jahre immer noch die Rassentrennung rechtfertigten.

Moneys speziell auf die Sexualität bezogener Standpunkt besaß zudem eine große Anziehungskraft für Homosexuelle. Denn er bewertete Heterosexualität als bloße Ideologie und darüber hinaus als ein Zwangssystem. Daß praktizierte Homosexualität zu diesem Zeitpunkt nicht nur in den Vereinigten Staaten strafbar war, schien Moneys Theorie eine gewisse Anschaulichkeit zu verleihen. Die Feministinnen griffen Moneys anscheinend wissenschaftlich untermauerte Thesen ebenfalls begierig auf, sprachen sie doch gegen eine angebliche Naturgegebenheit von Männerherrschaft. Außerdem fügten sie sich in den propagierten „Kampf um den eigenen Körper“. Kate Millet, die damals bedeutsamste lesbische Aktivistin der Bewegung, stützte sich in ihrem 1970 erschienenen Bestseller „Sexual Politics“ auf Moneys Aufsätze.

„Sorry, I do not comment on this case“

Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Money an seinem Hauptwerk über „Gender Identity“, das 1973 herauskam und beträchtliches Aufsehen erregte. 1975 erschien es auch auf deutsch - trotz seiner sperrigen Wissenschaftssprache in einer populären Taschenbuchreihe - unter dem Titel „Männlich Weiblich“. Mitautorin und Mitübersetzerin war Moneys Mitarbeiterin, die in Hamburg geborene Anke Ehrhardt. Sie leitet heute das HIV-Center an der Columbia-Universität in New York. Professor Ehrhardt äußert sich nicht mehr zu dem Reimer-Fall („Sorry, I do not comment on this case“), und Money hält es ebenso. Doch in ihrem Buch legten sie ihn als erste erfolgreiche Geschlechtsneuzuweisung an einem geschlechtlich eindeutig geborenen Kind ausführlich dar. Damit gelang Money der Durchbruch. In der Presse wurde seine Falldarstellung als Beweis anerkannt. „Wenn man einem Jungen sagt, er sei ein Mädchen, und wenn man ihn als ein Mädchen erzieht, dann wird er sich weiblich verhalten“, hieß es zusammenfassend etwa in der „New York Times Book Review“.

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