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„Gender Mainstreaming“ : Der kleine Unterschied

Entsprechend propagierte Money die „Geschlechtsneuzuweisung“ als Therapie für intersexuelle Säuglinge. Das bedeutet zunächst einmal chirurgische Eingriffe, zumeist die Entfernung der Hoden. Moneys Auffassung setzte sich weltweit durch - zumal sonst niemand eine Lösung für das Problem anzubieten hatte, schon gar nicht eine derart einfache. Ungezählte Kinder mit Fehlbildungen der Geschlechtsorgane wurden seither operativ, mit Hormongaben und durch Erziehung zu Mädchen umgebildet.

Money wandte seine Theorie der „psychosexuellen Neutralität“ auch auf Transsexuelle an. Unter seiner Leitung wurde am Johns-Hopkins-Krankenhaus die „Gender Identity Clinic“ zur operativen Geschlechtsumwandlung Erwachsener gegründet, die erste der Welt. Sie wurde zum wissenschaftlichen und publizistischen Eisbrecher dieses bald weithin anerkannten Verfahrens. Auch die Gesetzgebung in der westlichen Welt hat sich dem angepaßt. Derzeit wird in Deutschland darüber diskutiert, die Umwidmung des Geschlechts in Personaldokumenten mit allen Rechtsfolgen auch ohne chirurgische Maßnahmen zuzulassen.

Tabus lustvoll gebrochen

Der brillante Money - der als Wissenschaftler und Vorgesetzter Widerspruch nicht duldete - verdankte seine Durchsetzungskraft auch offensiven öffentlichen Auftritten, die ihm hohe Aufmerksamkeit eintrugen. Er bekämpfte leidenschaftlich alle von ihm als viktorianisch und moralistisch betrachteten Traditionen und brach genußvoll Tabus. In einer Zeit, in der die Behandlung solcher Angelegenheiten im Nachmittagsfernsehen noch nicht zum Alltag gehörte, sprach Money sich für Gruppensex und Bisexualität aus, er warb für sogenannte „fucking games“ von Kindern und ordnete auch extreme sexuelle Perversionen bis hin zum Lustmord als bloße „Paraphilien“ ein, als abweichende Vorlieben. In den achtziger Jahren nutzte Money seine weltweit erworbene Anerkennung als Sexualforscher zu wiederholten Interventionen zugunsten der „affectional pedophelia“, angeblich auf Gegenseitigkeit beruhender vorwiegend homosexueller, auch inzestuöser Handlungen Erwachsener an Kindern.

Doch ungeachtet aller Erfolge, zu denen auch öffentliche Fördermittel in beträchtlichem Umfang gehörten, war Money in den sechziger Jahren keineswegs imstande, seine bereits in zahlreichen Artikeln dargelegte Theorie, die Geschlechts-identität werde nur durch Erziehung konstruiert, auch zu beweisen. Money nannte Intersexuelle „natürliche Experimente“, doch aus seinen Erfahrungen mit ihnen und mit den Transsexuellen läßt sich

logisch nicht ableiten, daß das Sexualverhalten und die weibliche oder männliche Orientierung „keine angeborene, instinktive Grundlage“ haben. 1965 wurde Money daher in der „Quarterly Review of Biology“ entgegengehalten: „Wir kennen kein Beispiel für ein normales Individuum, das als eindeutig männlich geboren wurde und erfolgreich als weibliches Wesen aufwuchs.“

Dieses Beispiel sollte Bruce Reimer werden. Mit dessen Eltern einigte Money sich schnell. Die beiden jungen und einfachen Leute gewannen dabei - wie schon im Fernsehen - den Eindruck, ihr Kind werde mit einem längst erprobten und anerkannten Verfahren behandelt. Sie ahnten nicht, daß es sich um ein Experiment handelte: den ersten derartigen Versuch in der menschlichen Geschichte.

Messer und Lüge

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