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Geldwäsche : EU-Klageschrift liest sich wie ein Krimi

  • -Aktualisiert am

Zigaretten kann man nicht nur rauchen, man kann auch viel Geld damit „waschen” Bild: dpa

Das Geld, das der amerikanische Tabakkonzern Reynolds für seine Zigaretten bekam, stammte meist aus Drogengeschäften, glaubt die EU.

          Als die EU Anfang des Jahres amerikanische Tabakkonzerne wegen Beteiligung am Zigarettenschmuggel verklagte, erlitt sie vor einem New Yorker Gericht Schiffbruch. Eure Zölle, so beschied sie der Richter, müsst ihr schon selbst eintreiben.

          Während die Berufung noch anhängig ist, legen die Europäer jetzt nach. Geldwäsche sei es, was der zweitgrößte Glimmstängelfabrikant des amerikanischen Marktes betreibe und womit er die EU schädige. Die jetzt vom New Yorker Bezirksgericht veröffentlichte Klageschrift der EU gegen den „Camel“- und „Winston“-Hersteller R.J. Reynolds (RJR) enthält starken Tobak: „Für mehr als ein Jahrzehnt haben die Beklagten Geldwäsche-Operationen (...) geführt, verwaltet und kontrolliert. RJR hat am organisierten Verbrechen teilgenommen und es begünstigt, indem es die Einkommen aus Drogenhandel und anderen Verbrechen säuberte.“ So beginnt die 145-Seiten-Klageschrift, die sich streckenweise liest wie ein Krimi.

          Geld stinkt nicht

          Glaubt man den ausführlich belegten Vorwürfen, so galt für die Reynolds-Bosse das Wort der alten Römer: Geld stinkt nicht. Getrieben von dem Drang nach immer größer werdenden Marktanteilen sollen sie alle Schranken zwischen Gut und Böse niedergerissen, sich der Mafia und Terroristen angedient haben.

          Mit Zigarettenkäufen in gigantischem Stil, bezahlt über Strohmänner und Geldwäscher, wuschen Unterweltgrößen ihr schmutziges Geld, behauptet die EU. Politisch zu verantworten hat diese Vorwürfe unter anderen die deutsche Haushaltskommissarin Michaele Schreyer. Ermittelt haben die Spürnasen von Olaf, dem EU-Betrugsbekämpfungsdezernat unter Leitung des deutschen Staatsanwalts Franz-Hermann Brüner.

          Verschlungene Wege

          Detailliert beschreibt die Klage die verschlungenen Wege der Reynolds-Zigaretten in die eine Richtung und des Geldes in die andere Richtung. Eines der vielen Szenarien laut EU sieht so aus: Kolumbianische Drogendealer verkaufen Kokain in Europa, wo sie Euro kassieren. Von einem Geldhändler in Kolumbien lassen sie sich Pesos geben. Die europäische Drogen-„Filiale“ zahlt dafür die Drogen-Euros an eine Filiale des Geldhändlers in Europa. Diese Filiale bezahlt auftragsgemäß den Import von - unter anderem - Zigaretten, wobei die Auftraggeber meistens Drogenhändler sind. Das schmutzige Geld ist damit beim Zigarettenproduzenten angelangt, der sich aber vor allem über die Verbreitung seiner Marke freut.

          „Im Allgemeinen war es für RJR nebensächlich, ob die Zigaretten legal oder illegal verkauft wurden, so lange die Zigaretten nur in den angestrebten Marktgebieten verkauft wurden“, heißt es in der Klage. Reynolds habe genau gewusst, wer in Wirklichkeit seine Abnehmer seien. Wieder und wieder seien Angestellte nach Europa gereist, um die Abwicklung des Handels zu überwachen.

          Ab nach Zypern

          Als eine belgische Spedition Verdacht schöpfte und die Reynolds-Kunden nicht mehr belieferte, wurde das Geschäft nach Zypern verlegt. Gewarnt worden seien die Tabakbosse auch vor der Russen-Mafia, die laut Klageschrift die Geschäfte über die Bank of New York abwickelte, aber auch über ein Geldhaus auf der kleinen Pazifikinsel Nauru, dem nach dem Brüsseler Kommentar kein seriöser Geschäftsmann trauen würde.

          In Montenegro habe Reynolds führende Beamte geschmiert, darunter Milo Djukanovic, den heutigen Präsidenten dieser jugoslawischen Teilrepublik. Dafür durften die Zigaretten unbehelligt weiter geschleust werden. Und schließlich hätten die „Camel“-Herren auch keine Berührungsängste gegenüber Amerikas Todfeind Saddam Hussein mehr gehabt. Milliarden Zigaretten seien in den Irak geliefert worden, ohne die erforderliche Genehmigung.

          Zigaretten für Saddam

          Reynolds-Mitarbeiter hätten häufig für den zielgenauen Transport gesorgt, während in den Begleitpapieren falsche Zielorte angegeben worden seien. Und weil der Transport durch die Türkei über Gebiete führte, die von der kurdischen Separatistenorganisation PKK kontrolliert wurden, habe man bereitwillig Maut an diese abgeführt. Die PKK wird von den USA und der EU als terroristisch eingestuft. Saddam Hussein, ein Feind der Kurden, habe sich an deren Mitwirkung nicht gestört, weil er selbst vom Zigarettenhandel profitiere. Sein gefürchteter Sohn Udai, so die Klageschrift, habe das Geschäft kontrolliert.

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