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Geiselnehmer von Sydney : Die Gefahr der einsamen Wölfe

Das australische Fernsehen zeigte am Montag dieses Bild des Geiselnehmers Man Haron Monis in dem Café in Sydney. Bild: dpa/Seven News TV

Die Geiselnahme von Sydney könnte nach ersten Hinweisen das Werk eines islamistischen Einzeltäters sein. Der 50-jährige Man Haron Monis verschickte Hassbriefe und wurde wegen Beihilfe zum Mord angeklagt. Genau vor solchen Menschen hatte der australische Geheimdienst gewarnt.

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          Sechzehn Stunden nach Beginn der Geiselnahme mitten in Sydney, gegen zwei Uhr nachts Ortszeit, stürmte die Polizei das Gebäude. Augenzeugen berichteten von Schüssen, Explosionen und Lichtblitzen. Mehrere Personen rannten aus dem Gebäude, andere wurden herausgetragen. Viele offenbar schwer gezeichnet von der stundenlangen Geiselhaft. Sirenen heulten. Krankenwagen waren vor Ort. Dann wurde offenbar ein Bombendetektor in das Gebäude geschickt.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Erst nach Stunden bangen Wartens erklärten Sicherheitskräfte die Geiselnahme am Martin Place für beendet. Nach Angaben der Polizei wurden drei Menschen getötet, darunter der Täter, ein aus dem Iran stammender Islamist mit dem Namen Man Haron Monis. Offenbar war es ein Einzeltäter, der Terror in Sydney verbreitete. Auch unklar blieb zunächst, ob die Berichte von befreiten Personen, nach Angaben des Geiselnehmers seien vier Bomben in der Stadt versteckt worden, zwei im Café und zwei an anderen Orten der Innenstadt, zutrafen.

          Der Schauplatz der Geiselnahme liegt inmitten des bevölkerten Finanz- und Geschäftsviertels von Sydney. Hier, an einer U-Bahn-Station, die ein wichtiger Umsteigebahnhof ist, gibt es viele Kaffeehäuser und Restaurants. Ihr Angebot richtet sich an die vielen Pendler und lokal ansässigen Arbeitnehmer, die tagtäglich vorbeikommen. Eines der beliebteren Geschäfte ist offenbar das Café eines Schokoladenherstellers aus der Schweiz. Wie mehrere Passanten dem Fernsehsender „ABC“ berichteten, wollten auch sie sich am Montag dort mit einem koffeinhaltigen Getränk für den Tag rüsten. Doch fanden sie die Tür verschlossen. Hinter den Fensterscheiben beobachteten sie verdächtige Aktivitäten.

          Man Haron Monis bei einer Protestaktion im Dezember 2014. Zuvor war er wegen des Versendens von Hassbriefen an die Familien von getöteten australischen Soldaten angeklagt worden. Bilderstrecke

          Um etwa 9.45 Uhr Ortszeit betrat ein bewaffneter Mann das Café. Ein Angestellter kam wohl nur wenige Minuten später dort an. „Ich ging zur Tür, alle saßen, und die Tür war geschlossen. Das war komisch, denn die sind nie geschlossen. Ein Mann lief herum mit einem Hut und einem Bart“, berichtete der Mitarbeiter dem Sender „ABC“. „Dann kam die Polizei und sperrte das ganze Gebiet ab“, sagte der Mitarbeiter. Etwas später tauchten die ersten Geiseln mit erhobenen Händen in den Schaufenstern des Cafés auf. Den aus der Ferne aufgenommenen Fernsehbildern nach zu urteilen waren sie stark verängstigt. Zwei von ihnen hielten für einige Zeit eine schwarze Flagge mit weißer Schrift hoch, direkt über einem Schriftzug „Merry Christmas“ auf der Fensterscheibe. Anders als zunächst vermutet, handelte es sich nicht um das Symbol der Terrormiliz „Islamischer Staat“. Vielmehr steht dort das islamische Glaubensbekenntnis Schahada in arabischer Schrift: „Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet“.

          Fernsehbilder aus den ersten Minuten der Geiselnahme zeigten einen Mann mit einem grauen Bart, einem schwarzen Stirnband mit weißer Schrift darauf und einem dunklen Rucksack auf dem Rücken. Auf einer Aufnahme schiebt er eine Geisel wie einen Schutzschild vor sich her. Der Geiselnehmer wurde am späten Abend von der Polizei als Man Haron Monis identifiziert, ein 50 Jahre alter radikaler Islamist iranischer Herkunft. Er soll laut „Sydney Morning Herald“ der Justiz bekannt sein, weil er Hassbriefe an die Familien getöteter australischer Soldaten geschickt haben soll. Zudem soll er laut dem Sender ABC derzeit auf Kaution frei sein, da eine Anklage wegen der Beihilfe an dem Mord an seiner früheren Ehefrau gegen ihn laufe. Dem selbsternannten Heiler und Kleriker wurden in der Vergangenheit zudem sexuelle Übergriffe zur Last gelegt. Der Anwalt Manny Conditsis, der den Mann im vergangenen Jahr verteidigt hat, zeigte sich überzeugt, sein ehemaliger Mandant sei ein Einzeltäter.

          Der Platz im Herzen von Sydney war schon im Laufe des Tages nach und nach immer weiträumiger abgeriegelt worden. Nach sechs Stunden des bangen Wartens waren die ersten Geiseln frei gekommen. Zunächst kamen zwei Personen aus dem Haupteingang gelaufen, ein grauhaariger Mann mit blauem Jackett und ein Mann mit dunkler Hose. Dann folgte ein dritter Mann, der offenbar durch den Seiteneingang in die Freiheit gelangte. Rund eine Stunde später tauchten zwei weitere Geiseln auf, denen entweder die Flucht gelungen war, oder die der Geiselnehmer freigelassen hatte. Eine Frau asiatischer Herkunft lief mit erhobenen Armen aus dem Café. Sie trug eine Schürze mit dem Logo des Schokoladenfabrikanten. Eine zweite Frau lief wenig später ebenfalls in die Arme der Sondereinsatzkräfte.

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