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Geiselnahme im Jemen : Rettung vor den Rebellen

Bild: dpa

Neue Hintergründe zur Entführung im Jemen: Offenbar standen die saudischen Spezialkräfte, die die beiden deutschen Mädchen retteten, nicht in direktem Kontakt mit den Entführern. Deshalb bleibt auch das Schicksal der Eltern und des Bruders weiter im Dunkeln.

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          Es war keine riskante Befreiungsaktion durch bewaffnete Einheiten, sondern eine unspektakuläre Rettungsaktion durch saudische Geheimdienstler. Sie hatten am Montag die zwei Töchter der am 12. Juni 2009 entführten deutschen Familie aus Meschwitz bei Bautzen an die Grenze zu Saudi-Arabien und über sie gebracht. Die Hinweise seien von Jemeniten gekommen, sagte der Sprecher des saudischen Innenministeriums, General Mansour al Turki, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Mädchen hätten sich nahe der Grenze aufgehalten. Dort hätten Jemeniten die saudischen Geheimdienstler, die entlang der Grenze tätig seien, auf sie aufmerksam gemacht. Die hätten sie mit jemenitischer Hilfe nach Saudi-Arabien gebracht, wo sie nun in einem Krankenhaus behandelt werden.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Über den Verbleib der Eltern, ihres Bruders und des ebenfalls entführten Briten lägen ihm keine Informationen vor, sagte General Turki weiter. Saudi-Arabien werde nicht zögern, auch sie zu retten. Im Vordergrund habe zunächst die Rettung der beiden Mädchen gestanden. Keine Information liege ihm darüber vor, ob Lösegeld bezahlt worden sei. Im Dunkeln bleibe auch die Identität der Entführer, da die beiden Mädchen offenbar über Mittelsmänner überstellt worden sind. Die Saudis hätten nicht in direktem Kontakt mit den Entführern gestanden. Um ein Überschwappen der Konflikte des Jemen nach Saudi-Arabien zu verhindern, unterhalten die saudischen Sicherheitskräfte traditionell gute Beziehungen zu jemenitischen Stämmen und eine Präsenz entlang beider Seiten der Grenze.

          Entführer mit großer Wahrscheinlichkeit aus dem Kreis der Houthi-Rebellen

          Die Umstände der Überstellung der beiden Mädchen lassen den Schluss zu, dass nicht Al Qaida die Familie entführt hatte. Vielmehr bestätigt sich die Aussage der jemenitischen Regierung, dass die Entführer mit größter Wahrscheinlichkeit im Kreis der Houthi-Rebellen zu suchen sind, die sich mit der Zentralregierung seit 2004 sechs Runden bewaffneter Auseinandersetzungen geliefert haben. Im Januar einigten sie sich auf ein sechstes Waffenstillstandsabkommen, das bisher weitgehend hält. Die beiden entführten Mädchen Lydia und Anna waren bei ihrer Entführung drei und fünf Jahre alt. Mehrere Wochen nach der Entführung waren sie mit ihrem Bruder Simon, der damals ein Jahr alt war, auf einem Video zu sehen.

          Dass sich beide Seiten an das Waffenstillstandsabkommen halten, könnte der Grund für die Beendigung des Geiseldramas für die zwei Mädchen sein. Unmittelbar vor der Einigung auf einen Waffenstillstand hatten jemenitische Sicherheitskräfte den Waffenhändler Faris al Manna aus Sanaa verhaftet, der sowohl an die Armee wie die Rebellen Waffen geliefert hatte. Ebenso setzte sie dessen Bruder als Gouverneur der Provinz Saada ab, der Hochburg der Rebellen. Mutmaßlich hat die jemenitische Regierung von beiden Hinweise auf den Aufenthaltsort der Entführten erhalten. So erklärte die Regierung in Sanaa wiederholt, sie kenne den Aufenthaltsort. Aufgrund der fortgesetzten Unsicherheit in der Bergregion Ghazzam konnte sie bis zuletzt dort nicht tätig werden.

          In dieser Bergregion vermutet Ahmad Seif, der gut vernetzte Direktor der Denkfabrik Sheba in Sanaa, die Entführer. Der dortige Stammesführer Abdullah al Ghazzami habe sich 2008 mit dem Führer der Rebellen, Abdulmalik al Houthi, überworfen. Anlass war, dass Houthi aus politischen Erwägungen einem Waffenstillstand mit der Zentralregierung zugestimmt hatte, Ghazzami als Kommandeur aber weiterkämpfen wollte. Im Juni 2009 habe Ghazzami die deutsche Familie mit einem dreifachen Ziel entführt: die Rebellen als Terroristen zu brandmarken, die Zentralregierung als unfähig hinzustellen und ein Pfand für Lösegeld in der Hand zu halten. Allerdings werde Ghazzami die Entführung kategorisch dementieren, erwartet Seif.

          Schicksal der anderen Entführten immer noch ungewiss

          Seit 2008 hat sich Ghazzami auf keiner Seite mehr an den bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Rebellen und den Regierungstruppen beteiligt. Ghazzami hatte sich bereits 2004 gegen Abdulmalik al Houthi ausgesprochen, als er die Nachfolge seines ermordeten Bruders Hussein Badreddin al Houthi angetreten hatte. Denn Ghazzami spricht dem jüngeren Houthi Führungsqualitäten ab. Da er nun mit dem länger als erwartet haltenden Waffenstillstand unter Druck gerät, wollte er sich mutmaßlich der Geiseln entledigen und sie zu Geld machen. Sollte diese Annahme zutreffen, wäre die Wahrscheinlichkeit gering, dass die anderen Geiseln noch lebten. Auszuschließen ist indessen nicht, dass die anderen Entführten noch leben. Denn möglicherweise könnten die Entführer die Mädchen als Test für weitere Übergaben an die saudischen Geheimdienstler überstellt haben.

          Gezielt haben sie die beiden Mädchen jedoch an die saudischen Geheimdienstler übergeben, die sich zur Sicherung der Grenze und zur Einrichtung einer Pufferzone auf beiden Seiten der Grenze aufhalten. Denn wie sie der Hauptgruppe der Rebellen nicht trauen, so trauen sie auch nicht der Zentralregierung.

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