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Kanzlerkandidatur der Grünen : Weil die Masche funktioniert und die Macht winkt

Ein Herz und eine Seele: Annalena Baerbock und Robert Habeck Bild: EPA

Die Grünen marschieren gehorsam und disziplinierter als die Union in Richtung Kanzleramt. Doch alle ihre Glaubenssätze würden sie dort nicht verleugnen können.

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          Opposition ist Mist? Nicht in Zeiten der Pandemie. Und erst recht nicht, wenn die Regierenden sich als trittunsicher auf der Gratwanderung erweisen, zu der sie von dem Virus gezwungen werden. Dann lässt es sich auf den Oppositionsbänken leicht behaupten, man wisse und könnte es besser. Man kann dort Verständnis für die Unzufriedenen zeigen und den Kritikern nach dem Mund reden. Vor allem aber tragen die Oppositionsparteien keine Verantwortung für alles, was schiefgeht – auch wenn sie natürlich schon vorher wussten, dass es so kommen würde.

          Die Grünen sind die Meister der Leichtigkeit des politischen Seins in der Opposition. Und sie vermitteln offenbar zunehmend mehr Wählern den Eindruck, dass der Eintritt in eine Bundesregierung daran nichts ändern werde. Baerbock und Habeck haben begriffen, dass den Grünen der Aufstieg zur Volkspartei nur gelingt, wenn sie kein Bürgerschreck mehr sind. Die Partei hält sich mit ungrünem Gehorsam an den Freundlichkeitsbefehl, weil die Masche funktioniert und die Macht winkt, sogar direkt aus dem Kanzleramt.

          Ganz alleine im Hinterzimmer einer Teestube

          Daher unterwirft die Partei sich in früher undenkbarer Weise auch dem Ratschluss ihres Führungsduos bei der Entscheidung, wer Kanzlerkandidat werden soll. Während in der Union, die sich in dieser Frage zu zerlegen droht, auch noch von einer Mitgliederbefragung die Rede ist, dürfen Baerbock und Habeck – sind sie nicht ein Herz und eine Seele? – das ganz allein im Hinterzimmer einer Teestube auskungeln. Verkehrte Welt.

          Über die würde sich mancher erst recht die Augen reiben, wenn die Grünen dank ihres Schmusekurses tatsächlich ins Kanzleramt gelangten. Dann fehlte es zwar an Regierungserfahrung, aber nicht an alten Überzeugungen, die unter der glattgeschliffenen Oberfläche schlummern. Dass auch die Grünen von der Macht angezogen werden und sie die Regeln zu deren Erlangung disziplinierter befolgen als sogar die in dieser Frage viel erfahrenere Union, bedeutet eines nicht: dass die grüne Partei ihre Herkunft und Glaubenssätze gänzlich verleugnen könnte und wollte.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

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