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Geheime Getreidelager : In der Not gibt's Bundeserbsen

  • -Aktualisiert am
Ordentlich geharkt: Ein dreieinhalb Meter hoher Weizenberg braucht viel Pflege
          4 Min.

          Natürlich wollen sie hier alle rein: die Kornkäfer, die Reismehlkäfer, die Getreideplattkäfer und die Maiskäfer, die Mäuse sowieso, die Fliegen und die Motten - es wäre für sie das Paradies, zu vergleichen nur mit einem Schwimmbad voller Schokoladenpudding oder einem Mount Everest aus Vanilleeis. Wenn sie nur dürften. Doch in der Hallenwand ist jede Ritze mit Schaumstoff zugespritzt, die Tür ist fest verschlossen, Fenster gibt es keine, und wenn es doch mal ein Käfer schaffen sollte, dann landete er schnell in einer der Fallen, die hoch oben auf dem Getreideberg stehen, denn Käfer kriechen nun einmal immer an die höchste Stelle, sie können nicht anders. So ist das in Deutschlands geheimen Getreidelagern: Die Motten bleiben an den Ködern kleben, und für die Mäuse hat man sich einen Mauerstreifen aus feinstem Quarzsand ausgedacht. Der wird regelmäßig geharkt, damit kein Mäuserich unbemerkt rübermachen kann.

          Und die Bürger? Die wissen gar nicht, dass es das gibt: Mehr als hundert Hallen im ganzen Land, in denen - Achtung: 440.000 Tonnen Weizen, 140.000 Tonnen Hafer und seit allerneuestem sogar 50.000 Tonnen Roggen lagern. Denn Roggen, so haben die Leute von der Brotindustrie den Leuten vom Bundesernährungsministerium gesagt, Roggen habe erstaunlich gute Backeigenschaften, weshalb der wirklich noch gefehlt hat. Das Getreide lagert jeweils für so ungefähr zehn Jahre. Dann werden alle Vorräte ausgetauscht - „gewälzt“, sagen die Fachleute.

          Gedacht sind sie für Krisenfälle, für Naturkatastrophen, Tierseuchen, Streiks oder terroristische Anschläge, vielleicht auch für ein zweites Tschernobyl. Offiziell heißen sie „Bundesreserve Getreide“. Aber das ist längst nicht alles: Es gibt auch noch eine „zivile Notfallreserve“, das sind säckeweise kanadische Linsen, französische Erbsen und amerikanischer Reis, der so stark geschliffen und so überaus keimlinglos ist, dass er jahrelang nicht ranzig wird.

          Prinzip Eichhörnchen: Angenehm duftet der Reis aus seinen Säcken
          Prinzip Eichhörnchen: Angenehm duftet der Reis aus seinen Säcken : Bild: Matthias Lüdecke / FAZ

          Berufsbezeichnung „Oberprüfer“

          „Lagerhygiene ist das A und O“, sagt Klaus Müller. Der Mann ist von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, auf seiner Visitenkarte steht als Berufsbezeichnung „Oberprüfer“. Das heißt, Müller kommt alle paar Wochen hier vorbei und kontrolliert, ob der Unterprüfer alles richtig gemacht hat: ob er den Boden richtig gefegt und die Säcke abgesaugt, ob er den Weizen geharkt und vor allem die Temperatur des Getreides gemessen hat. Denn die darf zwar an der Oberfläche schwanken, je nachdem, ob es Sommer oder Winter ist. In den unteren Schichten, gut dreieinhalb Meter tiefer, muss sie aber stabil sein, so zwischen neun und elf Grad. Getreide ist ein schlechter Wärmeleiter.

          Und falls es doch größere Temperaturausschläge gibt, dann ist vielleicht doch ein Schädling am Werk oder Regenwasser im Spiel - was beim Bundesgetreide allerdings, so versichert Klaus Müller, eigentlich nie vorkommt, anders als beim Interventionsgetreide. Das wiederum gehört der Europäischen Union, lagert oft nur eine Wiese weiter, wird häufiger gewälzt und schlechter bewacht - und dient ganz profan zur Marktregulierung, also nicht für Notfälle. Merke: Getreideberg ist nicht gleich Getreideberg.

          Ihr Konzept ist ziemlich verstaubt

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