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Geheime Getreidelager : In der Not gibt's Bundeserbsen

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Fünfzehn Säcke liegen übereinander. In fünf Bahnen, fast hundert Meter lang. Erst die Linsen, dann der Reis, der hinten, wo es nicht so warm und noch schummriger ist, angenehm aus seinen Säcken duftet, man möchte gleich ein Eimerchen mitnehmen. Seit den fünfziger Jahren lagert die staatliche Katastrophenreserve still vor sich hin, ohne dass man sie je gebraucht hätte. Einmal, beim Oderhochwasser vor einigen Jahren, waren immerhin die Säcke begehrt, wegen ihrer besonders dicken Nähte, um Sand einzufüllen. Und während der Osterfeiertage 1999 fanden einige hundert Tonnen Hülsenfrüchte ihren Weg ins Kosovo. Auch hierzulande sollen Bundeserbse und Co. nur kurzfristige Versorgungsengpässe überbrücken, die monatelange Verköstigung von 82 Millionen Deutschen ist nicht geplant. Lastwagen würden im Ernstfall vor die Hallen fahren, vom THW oder der Bundeswehr, und die Ware zu Großküchen bringen. Selbstabholer wären überfordert. Das gilt erst recht für den Weizen, der müsste zuerst zur Mühle, im Urzustand könnte niemand etwas mit ihm anfangen.

Im Bundesernährungsministerium an der Berliner Wilhelmstraße haben sie inzwischen gemerkt, dass ihr Konzept ziemlich verstaubt ist. Sie wollen die Produktpalette erweitern: „Es ist denkbar, künftig einen Teil des Getreides durch Mehl oder Nudeln zu ersetzen“, sagt Dieter Schneider, Leiter des Referats Notfallvorsorge. Der Nachteil ist nur: Mehl und Nudeln sind nicht so lange haltbar. So prüft das Ministerium, öfter als bisher auf private Unternehmen zurückzugreifen. Mit Herstellern von Kondensmilch gibt es schon Verträge, in denen die sich verpflichten, jederzeit eine bestimmte Menge ihrer Ware bereitzuhalten. Fleischkonserven übrigens wären zu teuer. Und Einmannpackungen wie bei der Bundeswehr wären vielleicht eine gute Idee. „Aber wer soll uns die im Rahmen der Wälzung, also wenn die Ware später am Markt verkauft wird, abnehmen?“, fragt sich Schneider.

Ausreichende Versorgung der Bevölkerung

Anderswo gibt es das nicht: in Frankreich oder Italien verzichten sie längst auf solche Lager. In Großbritannien sollen sie eventuell wieder eingeführt werden. Zwar ist der Staat verpflichtet, sich um die ausreichende Versorgung der Bevölkerung in Notsituationen zu kümmern. Denn was ist, wenn der Strom im Lande ausfällt, die Kühlschränke zu Hause nicht mehr funktionieren und die Kassen in den Supermärkten auch nicht?

Der Westberliner Senat hat es einst ähnlich gemacht, für den Fall einer zweiten Blockade: Noch heute erinnern sich die Berliner an Dosen mit fettigem Rindfleisch, die manchmal in den Geschäften lagen, oder an so bestimmte harte Schuhe, die keiner wollte. Nur über die Fahrräder aus der Vorratshaltung haben sie sich hin und wieder gefreut.

Vater Staat als Eichhörnchen

Muss der Staat wirklich tonnenweise Lebensmittel horten? Die Beamten im Ministerium fühlten sich kürzlich durch Meldungen über die Grippe-Pandemie wieder bestätigt: Was geschieht, so fragen sie, wenn ein Großteil der Deutschen krank im Bett liegt und keiner mehr da ist, um Korn zu ernten, Brot zu backen und Kuchen zu verkaufen? Darum müsse Vater Staat ein Eichhörnchen sein. Henning Goersch von der Katastrophenforschungsstelle der Universität Kiel hat aber Zweifel: „Besser wäre es, die Bürger würden selbst vorsorgen“, sagt er. Auf die staatliche Hilfe sollten sie sich nicht verlassen.

Und auch Michael Goldmann, Bundestagsabgeordneter von der FDP, meint, die Strategie des Landwirtschaftsministeriums gehöre hinterfragt: „Als im Winter vor fünf Jahren im Münsterland der Strom ausfiel, haben alle einen Ofen gesucht, aber kein Mehl.“ Goldmann schlägt vor, ein einziges solches Lager für ganz Deutschland zu haben, das sei billiger. „Man sollte die staatlichen Notfallreserven deutlich reduzieren, gerade in diesen Zeiten knappen Geldes.“

Dabei sind die Kosten gar nicht so wild: Sie belaufen sich auf jährlich rund 15,9 Millionen Euro. Das meiste davon geht für das Aus- und Einlagern drauf und für den Ausgleich des Wertverlusts beim Verkauf ein paar Jahre später. Die Ware selbst wird auf Kredit bezahlt.

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