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Gefangenenaustausch : 1027 Palästinenser für einen Israeli

Palästinensische Frau vor einem Gemälde von Gilad Schalit Bild: dpa

Nach mehr als fünf Jahren in der Gewalt der Hamas soll der Soldat Gilad Schalit nach Hause kommen. Dafür zahlt die Regierung Netanjahu einen hohen Preis.

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          Dem Maler blieb nicht viel Zeit. Mit dicker Ölfarbe bannte er den Menschenauflauf vor dem Zelt im Zentrum Jerusalems auf seine Leinwand, seine Staffelei hatte er in aller Eile auf der anderen Straßenseite aufgebaut. Noam und Aviva Schalit kamen am Mittwochnachmittag nur noch kurz vorbei, um sich von ihren Freunden zu verabschieden. Gut zweieinhalb Jahre lang war das Protestzelt vor der Residenz des israelischen Ministerpräsidenten zur zweiten Heimat der Eltern des von der Hamas verschleppten Soldaten Gilad Schalit geworden. Dort empfingen sie Botschafter und Präsidenten und erinnerten Benjamin Netanjahu mit ihrer Gegenwart daran, dass er versprochen hatte, ihren Sohn zurückzubringen.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          „1935“ stand am Mittwoch auf dem großen Schild über dem Zelt, das die Tage der Geiselhaft des 25 Jahre alten Soldaten zählt. Am Mittwoch kehrten seine Eltern nach Mitzpe Hila zurück, ihren Heimatort im Norden Israels. Dort wollen sie ihr kleines Haus auf die Rückkehr des Sohnes vorbereiten, den sie nie aufgegeben hatten. „Wir hoffen, dass das unser letztes Laubhüttenfest ohne Gilad ist. Wir packen nur noch ein paar Sachen ein und machen uns auf den Weg“, sagte Gilads jüngerer Bruder Joel, während vor dem Zelt eine Freundin der Familie zur Vorsicht mahnte: Sie wage es erst, an Gilads Heimkehr zu glauben, wenn er wenigstens für einen Augenblick lebend zu sehen sei.

          Große innere Spannung

          Ministerpräsident Netanjahu und Hamas-Führer Khaled Meschaal lassen jedoch seit Dienstagabend kaum noch Zweifel daran aufkommen, dass der junge Soldat bald wieder bei seiner Familie ist - wie auch 1027 palästinensische Häftlinge, die am Mittwoch noch in israelischer Haft sind. Schon in wenigen Tagen wird nach ihren Worten der Gefangenenaustausch beginnen, der am Ende Schalit die Freiheit bringen soll. Über den Preis hatte die israelische Regierung bis spät in die Nacht beraten: Am Ende stimmten 26 Kabinettsmitglieder dafür, drei waren dagegen. Zu ihnen gehörte Außenminister Lieberman.

          Der israelische Präsident Shimon Peres (rechts) mit Noam and Aviva Schalit
          Der israelische Präsident Shimon Peres (rechts) mit Noam and Aviva Schalit : Bild: Reuters

          „Ich habe Mitgefühl mit den Familien der Terroropfer, mit ihrem Leid, ich bin einer von ihnen“, gestand Netanjahu ein, der von einer großen inneren Spannung sprach, die er bei seiner Entscheidung empfand. Denn unter den palästinensischen Gefangenen, deren Freilassung er der Hamas versprechen musste, werden auch Planer und Organisatoren schlimmer Anschläge auf Cafés und Busse sein. Am Mittwoch waren die endgültigen Listen noch nicht veröffentlicht, auf denen auch die Namen mehrerer israelischer Araber und palästinensischer Einwohner Ostjerusalems stehen sollen. Unklar war auch, ob der Fatah-Führer Marwan Barguti und der Generalsekretär der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP), Ahmad Saadat, wirklich auf freien Fuß kommen.

          „Wir sind alle Kämpfer“

          Die Regierung in Jerusalem hatte sich in der letzten Phase der Verhandlungen offenbar flexibler gezeigt als in der Vergangenheit, was in Israel nicht nur auf Zustimmung stieß. Während viele Israelis in der Nacht zum Protestzelt in Jerusalem strömten, um mit Schalits Eltern zu feiern, warnt Ben Caspit vor einer „Kapitulation“. Am Dienstagabend sei Israel vor der Hamas in die Knie gegangen, schreibt der Kommentator in der Zeitung „Maariv“.

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