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Johann Georg Reißmüller am 01. Februar 1995 Bild: Barbara Klemm

Johann Georg Reißmüller : „Er war ein großer Freund Kroatiens“

In Zagreb wurde an einem besonderen Tag des früheren F.A.Z.-Herausgebers Johann Georg Reißmüller gedacht, der im Dezember verstorben ist.

          5 Min.

          „Wer war der Journalist, der Helmut Kohl dazu brachte, Kroatien anzuerkennen?“ Dieser Frage ging dieser Tage die Zagreber Zeitung „Vecernji list“ („Abendblatt“) in einem zweiseitigen Bericht nach, der auf eine Veranstaltung hinwies, die am Dienstag an der Universität Zagreb stattfand. Parlamentarier, Diplomaten, Akademiker und andere Bürgerinnen und Bürger waren gekommen, um Johann Georg Reißmüllers zu gedenken, des am 10. Dezember vergangenen Jahres verstorbenen ehemaligen Herausgebers dieser Zeitung, der seit 1995 auch Ehrendoktor der ältesten Universität Kroatiens gewesen war.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Dass ein Zeitungsmann in einem Land, in dessen Sprache sein Werk nicht geschrieben wurde, unter großer öffentlicher Anteilnahme geehrt wird, kommt nicht oft vor. Im Falle Reißmüllers ist es aber ebenso naheliegend wie folgerichtig. Denn die Antwort, die in der Frage des Zagreber „Abendblatts“ schon anklingt, ist politisch und zeitgeschichtlich Interessierten in Kroatien bekannt: Die beinahe täglich erscheinenden Kommentare, die Johann Georg Reißmüller 1990 sowie vor allem 1991 in dieser Zeitung veröffentlichte, trugen maßgeblich dazu bei, dass Bundeskanzler Kohl und sein Außenminister Genscher sich dazu entschlossen, gänzlich unbundesrepublikanisch vorzupreschen, um in einer für Europa damals entscheidenden außenpolitischen Frage den Takt vorzugeben.

          Mitte Dezember 1991 setzten sie bei den anderen elf Mitgliedstaaten der damaligen Europäischen Gemeinschaft durch, dass Slowenien und Kroatien zum 15. Januar des Folgejahres völkerrechtlich als unabhängige Staaten anerkannt werden. Das war zwar noch nicht die Lösung oder gar Befriedung, aber vor allem für das besonders von serbischer Aggression bedrängte Kroatien der erste Schritt auf dem Weg zur endgültigen Befreiung von serbischer Okkupation.

          Der ehemalige kroatische Außenminister Miro Kovač spricht bei der Gedenkveranstaltung für den ehemaligen F.A.Z.-Herausgeber Johann Georg Reißmüller.
          Der ehemalige kroatische Außenminister Miro Kovač spricht bei der Gedenkveranstaltung für den ehemaligen F.A.Z.-Herausgeber Johann Georg Reißmüller. : Bild: Ivica Bitunjac

          „Reißmüller hat Großes geleistet“

          Es war also kein Zufall, dass die Gedenkveranstaltung just am Jahrestag eines Ereignisses stattfand, das der postum Geehrte buchstäblich herbeigeschrieben hatte, wie Zeitzeugen aus dem damaligen Umfeld Kohls und Genschers bestätigen. Vermutlich wäre die Staatlichkeit Kroatiens und Sloweniens früher oder später auch ohne Reißmüller anerkannt worden. Aber 1991 war es entscheidend diesem Journalisten und Kenner der Region zu verdanken, dass sich die Politik in Bonn – sowie in ihrem Kielwasser der Rest der Europäischen Gemeinschaft – von dem Irrtum verabschiedete, der unter den Belgrader Hieben längst unwiederbringlich zerstörte jugoslawische Staat ließe sich noch irgendwie retten, die südslawische Zwangsgemeinschaft gar wieder zusammenpferchen. Dass Reißmüller diesen damals weitverbreiteten Irrtum früher als solchen erkannt und beschrieben hat, ist in Kroatien stets gewürdigt worden. „Johann Georg Reißmüller hat Großes für Kroatien geleistet – für den Anspruch Kroatiens, als unabhängiger Staat international anerkannt zu werden. Er hat mit seinen Leitartikeln erheblichen Einfluss auf die öffentliche Meinung sowie auf die Politik der Bundesregierung genommen“, sagt der einstige kroatische Außenminister Miro Kovač dieser Zeitung.

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