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Gedenken an Vertriebene : Erkenntnisgewinn auf Umwegen

  • -Aktualisiert am

Kanzlerin Merkel mit Premierminister Tusk in Danzig: Hier entsteht das „Museum des Zweiten Weltkriegs” Bild: picture-alliance/ dpa

In Danzig entsteht ein „Museum des Zweiten Weltkriegs“ in deutsch-polnischer Zusammenarbeit. Nach jahrelangem politischen Geringe stellt der Bundestag an diesem Donnerstag die Weichen: die Errichtung einer Stiftung Deutsches Historisches Museum.

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          Wer das Getöse über die Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen noch im Ohr und all die Scherben in den deutsch-polnischen Beziehungen vor Augen hat, die damit angerichtet wurden, kann sich nur wundern: An diesem Donnerstag erfüllt der Deutsche Bundestag die im Koalitionsvertrag enthaltene Verabredung, „im Geiste der Versöhnung ein sichtbares Zeichen zu setzen“, das an das Unrecht der Vertreibungen erinnern soll. Unter Punkt 19 der Tagesordnung ist dafür gerade einmal eine halbe Stunde Redezeit vorgesehen. Die Koalitionsparteien und die FDP haben ihre Zustimmung signalisiert, Die Linke ihre Ablehnung, die Grünen wollen sich enthalten. War da was?

          Beschlossen wird die Errichtung einer Stiftung Deutsches Historisches Museum (DHM), die quasi als Puppe in der Puppe auch die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung beherbergen und organisieren soll. Die 1987 gegründete Betriebsgesellschaft Deutsches Historisches Museum, an der der Bund und das Land Berlin je zur Hälfte beteiligt sind, wird damit in eine Stiftung in alleiniger Bundesträgerschaft umgewandelt. Da das Deutsche Historische Museum schon jetzt ausschließlich vom Bund finanziert wird, ist diese Operation seit langem grundsätzlich beschlossen. Ein zähes diplomatisches und innenpolitisches Ringen gab es nur noch um die Frage, in welcher Form sich der Bund der Erinnerung an die Vertreibungen annehmen solle. Ergebnis dieser Auseinandersetzungen ist die Errichtung der „unselbständigen Stiftung“ unter dem (organisatorischen) Dach des Deutschen Historischen Museums.

          Mitspracherecht für den Bund der Vertriebenen

          In wenigen Jahren wird eine Dauerausstellung in Berlin das Schicksal der Vertriebenen der Vergessenheit entreißen und Vertreibungen ächten. Unabhängig davon, was in diesem Haus zu sehen sein wird, hat die einst von Erika Steinbach und Peter Glotz gegründete private Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen damit alles erreicht, was sie bezweckte: Die Einrichtung einer solchen Gedenk- und Dokumentationsstelle durch den Staat, verantwortet von einem Kuratorium, in dem der Bund der Vertriebenen ein Mitspracherecht hat. Und das, obwohl lange Zeit so getan wurde, als stünde gerade die Vertriebenenvorsitzende und CDU-Abgeordnete Steinbach diesem Projekt im Wege.

          Auf ihre Initiative hin hatte sich der Bundestag erstmals im Mai 2002 mit dem Thema befasst. Erschrocken über den Widerhall, den der Roman „Im Krebsgang“ und eine mehrteilige Fernsehdokumentation über die Vertreibung gefunden hatten, ließ sich die damalige rot-grüne Mehrheit auf die von ihr tabuisierte Debatte ein, bestand dann aber darauf, dass ein Zentrum gegen Vertreibungen „eine europäische Aufgabe“ sei, die nicht in Berlin und keinesfalls von den Vertriebenen verwirklicht werden dürfe.

          Keine europäische Vergangenheitsperspektive

          Nach diesen Vorgaben wurde das Projekt auf eine lange Reise geschickt. Mit Hilfe von internationalen Historikertagungen, Vorstößen im Europarat und diplomatischen Offensiven zur Gründung eines „Europäischen Netzwerks gegen Vertreibungen“ versuchte die rot-grüne Bundesregierung der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen die Initiative zu entreißen und an ihr vorbei zu einer Lösung zu kommen. Doch die Historiker verloren sich in methodischen Abgrenzungsproblemen, Europa wollte von diesem Streit, der zunehmend zu einem deutsch-polnischen wurde, nichts wissen, und Polen ließ das schließlich in Warschau gegründete „Netzwerk“ in der Versenkung verschwinden.

          Nicht nur Reisen bildet; auch Umwege fördern den Erkenntnisgewinn. Sozialdemokraten und Grüne haben dabei gelernt, dass es so etwas wie eine europäische Vergangenheitsperspektive (noch) nicht gibt, sondern allenfalls mehr oder weniger nachbarschaftsverträgliche nationale Darstellungen. Die aber sind nicht durch Geschichtsdiplomatie herstellbar, sondern nur durch das Bemühen um Wahrhaftigkeit und die Einbeziehung unterschiedlicher Sichtweisen. Wohlmeinende ausländische Historiker ließen die Deutschen wissen, dass sie ihnen die Erinnerungsarbeit nicht abnehmen könnten.

          Polen nicht nur in der Opferrolle

          Lehrreich war auch die Erfahrung, dass die Abwehrschlacht gegen den Bund der Vertriebenen Sozialdemokraten und Grüne unversehens auf eine Linie mit der polnischen nationalkonservativen Regierung Kaczynski brachte. In diesem Zusammenspiel wurde das meiste Porzellan zerschlagen. Entschärft wurde der Dauerkonflikt um das „sichtbare Zeichen“ erst, als sich Bundeskanzlerin Merkel mit Premierminister Tusk Anfang dieses Jahres darauf einigte, es in deutsche Verantwortung zurückzunehmen und im Geist der Versöhnung zu gestalten.

          So soll es nun geschehen. Polnische Historiker sind eingeladen, die Arbeit der neuen Stiftung kritisch zu begleiten; deutsche werden an dem in Danzig entstehenden „Museum des Zweiten Weltkriegs“ mitwirken. Die Voraussetzungen für ein Zusammenwirken unterhalb der Regierungsebene sind längst gegeben. In Polen erschien in diesem Jahr ein „Atlas der Vertreibungen“, der auch die Polen nicht nur in der Opferrolle darstellt. Die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung wird zwar nicht alle Konflikte beenden, aber Grund legen für einen offeneren und verständnisvolleren Umgang mit der eigenen Geschichte und der der anderen.

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