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Gedenken an den 20.Juli 1944 : Schröder: Widerstand ein „großartiges Vermächtnis“

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Köhler und Schröder mit der Witwe des Widerständlers von Moltke Bild: AP

Bei den Feierlichkeiten für das Gedenken an den gescheiterten Anschlag auf Adolf Hitler vor 60 Jahren würdigte der Kanzler den deutschen Widerstand. Er erinnerte auch an den Aufstand der polnischen Heimatarmee am 1. August 1944 in Warschau.

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          Bei den Feierlichkeiten zum 20. Juli hat Bundeskanzler Gerhard Schröder den Widerstand gegen die Nazi-Diktatur als „großartiges Vermächtnis“ gewürdigt.

          Im Gedenken an den gescheiterten Anschlag auf Adolf Hitler vor genau 60 Jahren sagte er am Dienstag in Berlin, die Vertreter des Widerstandes hätten gezeigt, daß es kein „Landesverrat“ sei, wenn man das eigene Land und die Menschheit von einer barbarischen Gewaltherrschaft befreien will.

          Die Attentäter hätten aus christlich-humanistischer Tradition gehandelt. „Am 20. Juli 1944 legte ein anderes Deutschland Zeugnis ab.“ Dessen „beste Vertreter hätten aus einer Tradition heraus gehandelt, „die vom Geist der Aufklärung oder auch preußisch geprägt war“.

          „Kampf für Freiheit und Recht“

          Schröder erinnerte auch an den Aufstand der polnischen Heimatarmee am 1. August 1944 in Warschau. Europa habe heute guten Grund, beide Daten - den 20. Juli und den 1. August 1944 - „als flammende Zeichen auf dem Weg zu einer wahren europäischen Wertegemeinschaft zu verstehen und in Ehren zu halten“. Der Kampf für Freiheit und Recht, gegen Gewaltherrschaft und militärische Aggression sei „die wichtigste Grundlage dessen, was uns in Europa eint“, sagte der Kanzler.

          Bundespräsident Horst Köhler legte anschließend im Beisein der politischen Spitze des Landes einen Kranz an der Gedenktafel im Bendlerblock nieder.

          Schröder sagte bei der Feierstunde in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, der 20. Juli müsse auch den Nachgeborenen immer wieder Ansporn sein, die Werte von Freiheit und Toleranz, die heute für selbstverständlich gehalten würden, stets aufs Neue zu verteidigen. Die Widerstandskämpfer vom 20. Juli hätten zudem „die beste Tradition aufgezeigt, auf die deutsche Soldatinnen und Soldaten sich heute berufen können“. Die Bundeswehr sei eine Armee, die sich der Freiheit und dem Frieden verpflichtet wisse, sagte der Kanzler.

          „Aufstand des Gewissens“

          Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagte: „Widerstand gegen Diktatur und Unterdrückung ist niemals umsonst.“ Er würdigte den Anschlag der Offiziere als Aufstand des Gewissens.

          Mit der Feierstunde, Kranzniederlegungen und einem feierlichen Gelöbnis am Abend wird in Berlin des Widerstands gegen die Nazi- Diktatur gedacht. An historischen Schauplätzen wird an die Attentäter um Claus Schenk Graf von Stauffenberg erinnert, die den Umsturzversuch mit ihrem Leben bezahlten. Die Feiern werden von rund 1.000 Polizisten gegen Störungen geschützt.

          Gelöbnis gestört

          Am Dienstag abend sind in Berlin zudem mehrere hundert Rekruten bei einem feierlichen Gelöbnis vereidigt worden. Die Zeremonie wurde kurzfristig durch zwei junge Leute gestört. Ein Mann und eine Frau lösten sich aus einer Gruppe von Zuschauern und rannten über den freien Platz vor den Rekruten. Sie wurden von Feldjägern eingefangen. Nach offiziellen Angaben waren die Störer vermutlich als Journalisten akkreditiert.

          Dokumentation: Auszüge aus der Rede von Bundeskanzler Schröder zum 20. Juli

          „...Olbricht und von Stauffenberg, Mertz von Quirnheim, von Haeften und all die anderen, die den Staatsstreich schließlich wagten, litten unter dem Widerspruch, sich aus Patriotismus gegen das stellen zu müssen, was immer noch sehr viele für das "nationale Interesse" hielten. Stauffenberg selbst faßte diesen Konflikt in die unvergessenen Worte: „Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muß sich bewußt sein, daß er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterläßt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor dem eigenen Gewissen."

          ... es hat einen gemeinsamen, koordinierten und von breiten Schichten getragenen Widerstand in Deutschland nicht gegeben. Obwohl den Männern um Stauffenberg sehr daran gelegen war, Sozialdemokraten wie Julius Leber, konservative Politiker wie Carl Friedrich Goerdeler, Gewerkschafter und Kirchenleute in ihre Planungen einzubinden. Noch weniger hat es eine solche Gemeinsamkeit im europäischen Widerstand gegen Nationalsozialismus und Gewaltherrschaft gegeben... So war den Verschwörern am 20. Juli vor allem daran gelegen, "vor der Welt und vor der Geschichte" ein Zeichen deutschen Widerstandes gesetzt zu haben. Es ging ihnen darum, wie es Generalmajor Henning von Tresckow, der zu einem der entschiedensten Antreiber des militärischen Widerstands geworden war, ausdrückte: "den entscheidenden Wurf zu wagen".

          In noch stärkerem Maße gilt das für den Aufstand der Polnischen Heimatarmee, der am 1. August 1944 in Warschau begann. Die polnischen Widerstandskämpfer wußten, daß sie die deutschen Besatzer nicht allein würden niederringen können. Aber sie waren bis zum äußersten entschlossen, ihrem Anspruch auf ein selbstbestimmtes, freies Polen Nachdruck zu verleihen

          ... Europa hat heute guten Grund, diese beiden Daten - den 20. Juli und den 1. August 1944 - als flammende Zeichen auf dem Weg zu einer wahren europäischen Wertegemeinschaft zu verstehen und in Ehren zu halten. Erst heute, 60 Jahre später, können wir dieses europäische Vermächtnis des Widerstands vollenden. Und das müssen wir auch. Denn der Kampf für Freiheit und Recht, gegen Gewaltherrschaft und militärische Aggression ist die wichtigste Grundlage dessen, was uns in Europa eint - seit der Erweiterung der Europäischen Union am 1. Mai dieses Jahres stärker denn je.

          ... Am 20. Juli 1944 legte ein anderes Deutschland Zeugnis ab. Seine besten Vertreter handelten aus einer Tradition heraus, die christlich oder humanistisch, vom Geist der Aufklärung oder auch preußisch geprägt war... Deshalb wurde der 20. Juli 1944 zu einem der wichtigsten Tage der neueren deutschen Geschichte. Das ist in der Tat ein großes, ein großartiges Vermächtnis. Sie haben uns auch gezeigt, daß es nichts von "Landesverrat" hat, wenn man versucht, das eigene Land und die Menschheit insgesamt von einer barbarischen Diktatur zu befreien. ...“

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