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Gaza : Die Kriegsgewinner stehen schon fest

Die Artillerie beschießt Ziele im Gazastreifen Bild: AFP

Der längste und verlustreichste Gaza-Krieg macht deutlich: Selbst die stärkste Armee des Nahen Ostens kann den Konflikt mit militärischen Mitteln nicht beenden und die Terroristen nicht endgültig besiegen. Ein Kommentar.

          2 Min.

          In Gaza werden die Feuerpausen immer kürzer. Am Samstag vergangener Woche hielt die Waffenruhe zwölf Stunden, am Freitag nicht einmal mehr zwei Stunden. Der Gazastreifen ist kleiner als der Stadtstaat Bremen und hat etwa so viele Einwohner wie Hamburg. Aber weder der amerikanische Präsident Barack Obama noch der UN-Sicherheitsrat oder der ägyptische Präsident Abd al Fatah al Sisi sind nach knapp einem Monat in der Lage, diesen schmalen Landstrich zu befrieden.

          Seit auch noch ein israelischer Soldat im Süden Gazas vermisst wird, haben sich beide Seiten hoffnungslos ineinander verbissen. Keine Mahnung war bisher deutlich genug, kein Vermittlungsvorschlag so tragfähig, dass die Kämpfe, bei denen mittlerweile 1600 Menschen starben, aufhörten. Gaza zeigt, dass sich der Nahost-Konflikt nicht mehr von außen beeinflussen lässt.

          Die Fronten haben sich verhärtet

          Der längste und verlustreichste Gaza-Krieg in der Geschichte Israels macht zugleich deutlich, dass selbst die stärkste Armee des Nahen Ostens den Konflikt mit militärischen Mitteln nicht beenden und die bewaffneten Islamisten nicht endgültig besiegen kann. Die Hightech-Truppe mit den modernsten deutschen U-Booten und den tödlichsten Bomben erhält aus dem Westen jede gewünschte Unterstützung; erst in der Nacht zum Samstag gab der amerikanische Senat noch einmal 225 Millionen Dollar für die israelische Raketenabwehr frei. Trotzdem schaffen es mehr als 80.000 israelische Soldaten nicht, 3000 Hamas-Kämpfern Einhalt zu gebieten, die ihre Tunnel selbst gegraben und einen großen Teil ihrer Raketen eigenhändig gebaut haben. Der harte Kern des bewaffneten Arms der Hamas ist angeblich entschlossen, bis zum Letzten zu gehen. Diese Hamas-Mitglieder zögern auch nicht, dabei Frauen und Kinder mit in den Tod zu reißen. Im Häuserkampf in einer der am dichtesten besiedelten Gegenden der Welt sind sie eindeutig im Vorteil gegenüber einer Armee, die versucht, Zivilisten zu verschonen.

          Seit dem Verschwinden des israelischen Soldaten am Freitagmorgen ist der Frontverlauf noch unübersichtlicher geworden. Kein namhafter Hamas-Führer bestätigte zunächst die Entführung. Man habe den Kontakt zu den Kämpfern im Süden verloren, in deren Händen sich der Israeli möglicherweise befand, hieß es in der bis Samstagmittag einzigen Mitteilung aus Gaza. Die Hamas hatte schon vor Kriegsbeginn alles daran gesetzt, Israelis zu entführen. War die Einwilligung zur Waffenruhe nur eine weitere zynische Finte, um Israel an seiner verwundbarsten Stelle zu treffen? Oder handelte ein lokales Terrorkommando (mit oder ohne Auftrag des bewaffneten Arms) eigenständig, während die politische Führung die Feuerpause einhalten wollte? Es war zu beobachten, dass die Hamas schon längere Zeit nicht mit einer Stimme spricht. Es wäre sehr besorgniserregend, sollten mit dem Überfall am Freitag bewaffnete Hardliner endgültig das Kommando übernommen haben.

          Klar ist schon jetzt, dass sich die Fronten noch einmal verhärtet haben – auf beiden Seiten. Das schonungslose israelische Bombardement seit Freitagmorgen mit mehr als hundert Toten ist für viele Palästinenser der letzte Beweis dafür, dass Israel gar keine Ruhe will. Und nach Ansicht vieler Israelis greift ihre Armee noch nicht hart genug durch, nachdem die Hamas die Waffenruhe auf solch provozierende Weise gebrochen hat.

          Die Gewinner des jüngsten Konflikts stehen damit fest. Es werden diejenigen sein, für die es auch künftig keine politische Lösung, sondern nur ein gewaltsames Vorgehen gibt. In Israel werden rechte Politiker wie Wirtschaftsminister Naftali Bennett und Außenminister Avigdor Lieberman politisch profitieren, die der Hamas von Anfang an den Todesstoß versetzen wollten – nicht Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der die Bodenoffensive hinauszögerte und immer wieder das Feuer einstellen ließ. In Gaza werden Hamas und Islamischer Dschihad nach einem Friedensschluss anfangen, wieder aufzurüsten, wie sie es nach den beiden vorherigen Kriegen auch getan haben. Tod und Verwüstung der vergangenen Wochen werden viele Einwohner Gazas darin bestärken, dass sie ihren israelischen Nachbarn nicht trauen können.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

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