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Gauck trifft Opfer des NSU-Anschlags : Miteinander der Verschiedenen

„Wir gehören zusammen“: Gauck mit der Vorsitzenden der Interessengemeinschaft Keupstraße, Meral Sahin Bild: Getty Images

Bundespräsident Gauck besucht zum Jahrestag des NSU-Anschlags die Kölner Keupstraße. Auf Schmerz und Trauer sei er gefasst gewesen, sagt er. Nun verlasse er die Straße „total begeistert von dem Geist, der mir dort begegnet ist“.

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          „Ich bin Ihnen dankbar, dass sie nicht weggegangen sind“, sagt Bundespräsident Joachim Gauck, als er am Montagnachmittag im Salon „Kuaför Özcan“ mit Özcan Yildirim zusammentrifft. Viel mehr dringt nicht nach außen aus dem kleinen Frisörsalon, in dem sich die Kamerateams um Gauck und Yildirim drängen. Hier, vor dem Frisörgeschäft im Kölner Stadtteil Mülheim, in dem überwiegend Migranten wohnen, war am 9. Juni 2004 eine Nagelbombe detoniert. 22 Personen wurden verletzt, vier von ihnen schwer.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Die Ermittlungsbehörden glaubten lange an einen „allgemeindeliktischen Hintergrund“ der verheerenden Tat. Erst als Ende 2011 die bis dahin von der Polizei und den Verfassungsschutzbehörden unerkannt gebliebene Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) aufflog, wurde deutlich, dass auch der Bombenanschlag die Tat rechtsextremer Terroristen war.

          Dass Gauck kommt, ist für die Leute in der Keupstraße ein wichtiges Zeichen. Vor zehn Jahren war kein ranghoher Politiker nach Köln gefahren – eben weil die Behörden sich schnell darauf festlegten, es habe sich nicht um einen rechtsextremen Anschlag gehandelt. Nun steht der Bundespräsident noch eine Weile vor den Schaufenstern des Salons, die Yildirim zum 10. Jahrestag großflächig mit zwei Bildern vom Anschlagstag beklebt hat. Der Bundespräsident schaut sich die Verheerungen schweigend an. Dann sagt er: „Nun lasst uns zur nächsten Begegnung gehen.“ Ein paar Häuser weiter trifft er sich in einem Restaurant mit zwölf Opfern von damals.

          Gut zwei Stunden später steht Gauck dann auf ganz großer Bühne. Bei der Abschlusskundgebung des dreitägigen Gedenkfestivals unter dem Motto „Birlikte – Zusammenstehen“ beginnt der Bundespräsident vor rund 70.000 Besuchern seine Ansprache, indem er einfach erzählt, was ihn bewegt. Eben sei er im Frisörsalon gewesen, vor dem im Juni 2004 die Täter ihre widerwärtige Fahrradbombe plaziert hätten. „Ich war gefasst auf eine Begegnung mit Schmerz und Trauer, vielleicht auch mit Frustration und ich gehe raus aus der Straße total begeistert von dem Geist, der mir dort begegnet ist - von diesem 'Ja, wir schaffen das. Ja, das ist unsere Heimat'.“

          Viele Betroffene hätten sich nach dem Anschlag allein gelassen oder sogar als Verdächtige behandelt gefühlt, sagt der Bundespräsident. Die Mitglieder der rechtsextremistischen Bande hätten mit Anschlägen wie in Köln versucht, das selbstverständliche Miteinander der Verschiedenen, die offene und freiheitliche Gesellschaft zu zerstören. In Köln aber stehe man zusammen, um dieses Miteinander, diese Offenheit und diese Freiheit zu stärken. „Wir sind die Vielen! Wir zeigen, wie wir in unserem Land leben wollen: respektvoll und friedlich. Wir sind verschieden. Aber wir gehören zusammen. Und wir stehen zusammen, um allen, die von fremdenfeindlicher Gewalt bedroht sind, zu sagen: Ihr seid nicht allein.“

          Gauck berichtet von seinen Begegnungen mit NSU-Opfern und ihren Angehörigen, die er in den vergangenen Monaten hatte. Die Fragen, die dabei gestellt werden, gingen alle in Deutschland an. Die drängendsten zählt der Bundespräsident auf:  Wie sicher kann ich mich fühlen in meinem eigenen Land? Warum ist es jahrelang nicht gelungen, die Täter zu fassen? Warum dauert die juristische und politische Aufarbeitung so lange? Warum haben Polizei und Behörden ausländerfeindliche Tatmotive ausgeschlossen? Warum haben sie dem so wenig beigemessen, was die Betroffenen, die Angehörigen zu sagen hatten?

          Maas kritisiert Behörden

          Gauck sagt, auch er habe zu jenen gezählt, die immer wieder in der Zeitung lasen, wie die Fahnder scheiterten. Auch er habe nicht daran geglaubt, dass in Deutschland eine rechtsextreme Terrorgruppe so lange unerkannt bleiben konnte. „Auch ich musste erkennen, dass ein menschenfeindlicher Fanatismus umgeschlagen war in Mord – ein böses Erwachen war das!“ Das persönliche Eingeständnis nutzt Gauck, um seinen Amtsvorgänger Christian Wulff zu würdigen. Wulff hatte eine erste Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt angeregt, die dann 2012 in Berlin stattfand. Die Gedenkveranstaltung habe damals, kurze Zeit nach der Enttarnung der Täter, ein wichtiges Zeichen gesetzt – „ein Zeichen der Trauer, des Entsetzens, aber auch des Zusammenstehens und der Entschlossenheit“.

          Den Ermittlungsbehörden gibt Gauck in seiner Kölner Rede lediglich einen präsidial-zurückhaltenden Wink. Es sei wichtig, dass die Institutionen gewalttätigen Extremisten mit geschärften Sinnen und den geschärften Waffen des Rechtsstaates begegneten. „Und es ist wichtig, dass weiter aufgeklärt wird, wo Fragen bleiben.“

          Deutlicher mit den Behörden war zuvor Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Kölner Gedenkfestivals ins Gericht gegangen. „Ich schäme mich dafür, dass der deutsche Staat es nicht geschafft hat über so viele Jahre, dafür zu sorgen, dass unbescholtene Bürgerinnen und Bürger besser geschützt wurden“, sagte Maas. Dass die Opfer des Anschlags teils sogar kriminalisiert wurden, sei unverständlich und ein Punkt, der bis heute nicht abschließend aufgeklärt worden sei. „Da haben Viele Fehler gemacht.“

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