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Gauck in Nahost : Kaum beachtet

Bundespräsident Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt am Donnerstag in der Mädchenschule in Nablus Bild: dpa

In Deutschland wird die Reise des Bundespräsidenten durch Israel und die Palästinensergebiete genau verfolgt. Vor Ort hält sich die Aufmerksamkeit in Grenzen.

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          Mit den 91 „Märtyrern“ konnte es Joachim Gauck nicht aufnehmen. Kaum hatte der deutsche Bundespräsident am Donnerstag in Ramallah den Amtssitz des palästinensischen Präsidenten verlassen, sollte dort eine Trauerfeier für Palästinenser beginnen, die in Israel bei Anschlägen und anderen bewaffneten Aktionen ums Leben gekommen waren. Die israelische Regierung hatte in einer Geste des guten Willens der Autonomiebehörde ihre sterblichen Überreste überlassen.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Nicht nur in den Palästinensergebieten auch in Israel fand der Antrittsbesuch des neuen Bundespräsidenten keine größere Aufmerksamkeit. Am Donnerstag meldete nur die arabische Tageszeitung „Al Quds“, dass Gauck den israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu im Streit um die Siedlungen aufgefordert habe, sich zu bewegen. Israelischen Medien war das deutsche Staatsoberhaupt schon am Mittwoch höchstens eine kurze Notiz wert, schaffte es aber auf keine Titelseite oder in einen Kommentar. Dort geht es in diesen Tagen um Einwanderungspolitik und das Morden in Syrien. Im zweiten Fernsehkanal erweckte ein Bericht den Eindruck, als habe Außenminister Lieberman mit Gauck nur über das angespannte Verhältnis zur Türkei gesprochen.

          Andere politische Fragen stehen im Vordergrund

          Schimon Stein zieht trotzdem eine positive Bilanz. „Der neue Bundespräsident ist bei den Israelis gut angekommen. Auch wenn in diesen Tagen andere Fragen politisch im Vordergrund stehen. Aber auch das hat vielleicht etwas mit der Normalität in den Beziehungen zu tun“, sagt der frühere israelische Botschafter in Berlin. Stein hätte es sich jedoch gewünscht, wenn der Bundespräsident sich auf seinem ersten Besuch angesichts von dessen hoher symbolischer Bedeutung auf Israel beschränkt hätte und erst später zu den Palästinensern gefahren wäre.

          Auch die deutsche Debatte darüber, ob sich Gauck in seiner Haltung gegenüber Israel von Bundeskanzlerin Merkel distanziert habe, interessierte in Israel nicht. „Für solche feinen Nuancen ist angesichts der vollen israelischen Tagesordnung kein Platz“, sagt der Fernsehmoderator David Witzthum. Wie oft in den Beziehungen gebe es eine israelische, deutsche und palästinensische Wahrnehmung, die praktisch keine Berührungspunkte hätten. Zumindest einen Punkt schienen israelische und palästinensische Politiker aber ähnlich zu sehen. Der israelische Staatspräsident Peres lobte Gauck nicht nur als Freund, sondern auch als „Freiheitskämpfer“. In Ramallah hoffte man ebenfalls auf die Freiheitsliebe des ehemaligen Bürgerrechtlers Gauck. „Das ist eine Sprache, die wir verstehen“, sagte hoffnungsvoll die PLO-Politikerin Hanan Aschrawi.

          Wirkung mit kleinen Gesten

          Obwohl Gauck in Israel politisch deutlichere Worte wählte, als sein Vorgänger Christian Wulff waren es auch bei ihm kleinere Gesten, die auf beiden Seiten größere Wirkung entfalteten. So empfing er kurzfristig überlebende Mitglieder der israelischen Olympiamannschaft aus dem Jahr 1972. Bei den Spielen in München waren damals bei einem Attentat elf Sportler umgekommen. In Israel ist man enttäuscht darüber, dass sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) sich weigert, in London mit einer Schweigeminute ihrer zu gedenken.

          Ans Ende seines Staatsbesuchs stellte Gauck einen Besuch auf dem Ölberg. Er ist das erste deutsche Staatsoberhaupt, das dort die Auguste-Viktoria-Stiftung und die protestantische Himmelfahrtskirche aufsucht. Kaiser Wilhelm II. hatte Pilgerunterkunft und Kirche gestiftet, aber nach ihrer Fertigstellung vor gut hundert Jahren nie selbst gesehen. Deutsche Politiker meiden gewöhnlich den arabischen Ostteil Jerusalems, den Israel nach 1967 annektierte, was die internationale Gemeinschaft aber bis heute nie anerkannte. Heikel ist dabei besonders, dass israelische Sicherheitsbeamte bei solchen Besuchen im Einsatz sind.

          Am Donnerstag wurde erwartet, dass sie sich im Hintergrund halten, während Gauck im mit zahlreichen Reichsadlern verzierten Kaisersaal führende Kirchenvertreter und Entwicklungshelfer empfängt. Er wollte dabei nicht nur an das deutsche Erbe auf dem Ölberg anknüpfen, sondern durch seine Gegenwart auch die europäische Position unterstreichen, dass sich Israelis und Palästinenser in Verhandlungen über den Status Jerusalems einigen müssen.

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