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Gauck in der Tschechischen Republik : Ein Wunder, sich in die Augen zu schauen

  • -Aktualisiert am

Bundespräsident Joachim Gauck am Dienstag im Karolinum der Prager Karls-Universität Bild: dpa

Bundespräsident Jocahim Gauck schlägt bei seiner Rede in Prag große historische Bögen. Er nimmt Anleihen bei Havel und auch bei Kafka – und blickt optimistisch in die Zukunft.

          Bundespräsident Joachim Gauck würdigte die Stadt Prag am zweiten Tag seines dreitägigen Staatsbesuches in der Tschechischen Republik als „Symbol eines offenen und vielfältigen Europa“. Prag, sagte Gauck am Dienstag in der Karlsuniversität, sei „auf ganz besondere Weise noch ein bisschen mehr Europa“ als Paris, London, Rom oder Berlin. Man finde hier „wie kaum irgendwo sonst jenes Europa, das untrennbar verbunden ist in seinen kulturellen Bestandteilen; jenes Europa, das lateinisch und griechisch ist, katholisch und hussitisch, jüdisch und evangelisch, tschechisch, deutsch und auch polnisch. Ein Europa, das in dieser Stadt aus allen Elementen Wunderbares, Einmaliges hervorgebracht hat.“

          Die Karlsuniversität habe Perioden der inneren und äußeren Freiheit erlebt, aber auch solche der „Zerstörung der Geistesfreiheit“, der Gleichschaltung und der Selbstzensur. Von der Gründung der lateinischen Universität durch Kaiser Karl IV. über die konfessionelle Intoleranz zwischen Hussiten und Katholiken, die zum Auszug der deutschsprachigen Studenten führte, schlug Gauck den historischen Bogen bis zur Schließung der Universität durch die Nationalsozialisten, zur Deportation von 1200 Studenten und Professoren in deutsche Konzentrationslager und schließlich zur ideologischen Gleichschaltung im kommunistischen Regime: „Von ihrem strahlenden Beginn unter einem charismatischen Kaiser stieg sie hinab in die Abgründe totalitärer Systeme“, sagte Gauck. Unabhängige Geister hätten sich nicht nur gegen „diverse Fremdherrscher“, sondern auch „gegen intolerante Meinungen der eigenen Landsleute zu stellen“ gehabt und damit riskiert, zu „Nestbeschmutzern oder Landesverrätern abgestempelt zu werden.“

          Den Tschechen ist noch gut die Rede in Erinnerung, die Václav Havel am 17. Februar 1995 auf der Karlsuniversität zum deutsch-tschechischen Verhältnis hielt. „Es kann keine Diskussion darüber geben, wer der erste war, der den Geist des nationalen Hasses aus der Flasche ließ“, sagte Havel damals. „Und wenn wir, das heißt die Tschechen, unseren Teil der Verantwortung für das Ende der tschechisch-deutschen Koexistenz in den böhmischen Ländern anerkennen, dann müssen wir um der Wahrheit willen sagen, dass wir uns vom Virus der ethnischen Auffassung von Schuld und Strafe anstecken ließen, aber dass nicht wir es waren, die dieses Virus ins Land brachten.“

          Besuch in Theresienstadt

          Gauck, der Havel mehrmals ausdrücklich würdigte, ohne jedoch diese Rede zu erwähnen, betonte vor allem die gemeinsamen Erfahrungen von Deutschen und Tschechen mit einem System, „das, als sei es von Kafka beschrieben, gleichzeitig undurchschaubar, aber überall wirkungsvoll war, unpersönlich und erbarmungslos.“

          Durch die Auflösung des tschechoslowakischen Staates, die Unterdrückung des Tschechischen und die Ausrottung des Jüdischen, sagte der Bundespräsident, hätten die nationalsozialistischen Verbrechen „das Ende dieser einzigartigen kulturellen Symbiose im Herzen Europas“ herbeigeführt. „Der letzte Akt des Dramas folgte nach der Befreiung 1945, als auch die Deutschen ihre Heimat verlassen mussten, durch Flucht, Vertreibung, Zwangsaussiedlung, ethnische Säuberung, Odsun – wie immer Sie es nennen mögen – Schuldige und Unschuldige zugleich. Heute finden wir, trotz einer komplizierten Wahrheit, zu einem zunehmend differenzierten Geschichtsbild.“ Es stimme ihn optimistisch, sagte Gauck, dass „gerade jüngere Wissenschaftler, Journalisten, Schriftsteller und Künstler sich mit dieser noch immer emotional belasteten Geschichte auseinandersetzen“.

          Es ehre die Tschechische Republik, dass sie „sudetendeutschen Widerstandskämpfern und Verfolgten des Naziregimes“ Respekt erwiesen habe. Zu erinnern sei aber auch „an die vielen, oft namenlos gebliebenen Tschechinnen und Tschechen“, die ihren deutschen Mitbürgern nach 1945 Schutz geboten hätten. Am Ende habe sich die Erinnerung an die „Kraft der Symbiose“ als dauerhafter erwiesen als die „gewaltsame Durchsetzung einer Einheitskultur“, die „Unbeirrbarkeit der Gewissensüberzeugung“ als hartnäckiger als Unterdrückung und Diktatur. Nach einer „Geschichte des Leids“ erscheine es wie „ein Wunder, dass es möglich war, uns überhaupt wieder in die Augen zu schauen“ und „im Geiste der Verständigung und Versöhnung die Geschichte als eine gemeinsame fortzuschreiben“.

          Am Dienstagnachmittag besuchte Gauck in Begleitung des tschechischen Präsidenten Miloš Zeman die Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Theresienstadt. Nach der Befreiung im Mai 1945 wurde es als Internierungslager für Deutsche verwendet, in dem KZ-ähnliche Zustände herrschten.

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