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Gastkommentar : Was Bill Clinton uns lehrte

  • -Aktualisiert am

Acht gute Jahre? Bild: dpa

Bill Clinton scheidet in diesen Tagen aus seinem Amt. Scott Brown, ein 26-jähriger Amerikaner, der in den 90ern für den Kongress und die Administration gearbeitet hat, blickt auf seine Jahre mit dem amerikanischen Präsidenten zurück.

          Ganz gleich, ob man Bill Clinton mag oder verabscheut, eine Eigenschaft muss man ihm zugestehen: seine Unverwüstlichkeit, seine Fähigkeit, allen Anfeindungen zu trotzen. Der Mann, der wie ein Hamburger zwischen den zwei Sandwich-Hälften Bush I und Bush II liegt, der es als erster Demokrat seit Franklin D. Roosevelt zu zwei vollständigen Amtszeiten brachte, hatte eine Affäre mit der amerikanischen Öffentlichkeit, die Stoff für ein Oscar reifes Drama bot. Der Hauptdarsteller war - je nach Perspektive des Betrachters - einer der fähigsten politischen Führungsfiguren oder ein unbeherzter Prätendent auf den Thron.

          Wie auch immer er in die Geschichte eingehen wird: Clinton brachte die Amerikaner dazu, Stellung zu beziehen. Für oder gegen einen Mann, der wie kein Zweiter den Instinkt fürs politische Überleben besaß - in einer politischen Arena, in der Hass erfüllter Parteienstreit die Regeln bestimmt. Der Wirbelsturm von Klagen, der Clinton zu Boden reißen sollte, brachte ihn nicht aus der Ruhe, nahm ihm nicht sein Vertrauen zu sich selbst.

          Whitewater, Travelgate, Lewinsky, Wahlkampffinanzierung? Kein Problem für Bill. Inmitten der Amtsenthebungsverfahren schien er innerlich zu feiern; er schien vor Zuversicht zu strotzen, dass er nicht zu schlagen sei. Es war, als ob Clinton das Ende der Geschichte, die er durchlebte, schon gelesen habe, aber nicht darüber reden wollte, um uns nicht die Spannung zu nehmen.

          Vom Idealisten zum Empiriker

          Ich kenne meinen Präsidenten und habe seinen Weg verfolgt, seitdem ich 18 war - und ein Idealist dazu. Jetzt, da er gehen muss, bin ich 26 - und ein Empiriker. Ich habe den Großteil seiner Präsidentschaft in Washington verbracht - unweit des Weißen Hauses, auf der anderen Seite der Pennsylvania Avenue, wo ich für einen republikanischen Senator gearbeitet habe. Später auch für die Clinton-Administration, im Pentagon, allerdings für einen republikanischen Verteidigungsminister. Ich bin in diesen Jahren zu einer endgültigen Meinung über Clinton gekommen: Er macht es einem schwer, ihn zu mögen. Aber genauso, ihn nicht zu mögen.

          Irgendwo auf dem Weg zwischen Whitewater und der White-House-Praktikantin, habe ich mich verirrt - irgendwo in den Bergen von Witzen und Flachsereien über seine angeblichen Skandale, immer Ausschau haltend nach Beweismaterial, das die bösen Vorahnungen rechtfertigen würde, immer wieder feststellen müssend, dass nichts beweisbar ist.

          Schmutzige Wäsche

          Mit einer Ausnahme: Monica. Aber über die schmutzige Wäsche ist schon so viel gesprochen worden. Am Ende hat es nur eine Resonanz hervorgerufen: „Na und? Interessiert mich nicht.“ Das alles habe ihn doch nur menschlicher gemacht, hieß es. Da mag etwas dran sein.

          Wenn ich zurück denke an die 90er, heute als junger Mann in der binären schönen neuen Computer gesteuerten Welt, dann muss ich sagen, es waren gute acht Jahre. Ich erinnere mich aber auch daran, einmal nach einem langen Arbeitstag nach Hause gekommen zu sein: Der Präsident schimpfte mich mit erhobenem Zeigefinger aus dem Fernseher heraus aus. Wie ich zu dem absurden Gedanken komme, dass er eine sexuelle Affäre gehabt habe. Was für ein Gauner ich sei? Zu welcher rechten Verschwörung ich zählte?

          Später folgte Clintons etwas eigenwillige Definition des Begriffes „sexuelle Affäre“. Die Frage, ob ich ein ideologisch verbohrter Schurke war, ist nur semantisch zu klären. Und mit der Semantik habe ich es nicht mehr so. In der Post-Lewinsky-Ära sind Bedeutungen relativ und Interpretationen beliebig. Wir, die Kinder der Clinton-Ära, haben viel von unserem Präsidenten gelernt.

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