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Gastkommentar : Sechs Stunden jeden Tag Wasser schleppen

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Uschi Eid: Rahmenbedingungen im Sinne der Ärmsten Bild: Archiv

Wasser ist Grundlage allen Lebens? Es ist noch mehr: Wasser ist der Schlüssel für eine bessere Zukunft vieler Entwicklungsländer, gleichzeitig aber auch Symbol einer teils verqueren Debatte über Entwicklungspolitik und Globalisierungsprozesse.

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          Wasser ist Grundlage allen Lebens? Es ist noch mehr: Wasser ist der Schlüssel für eine bessere Zukunft vieler Entwicklungsländer, gleichzeitig aber auch Symbol einer teils verqueren Debatte über Entwicklungspolitik und Globalisierungsprozesse.

          Am nächsten Dienstag, dem Welt-Wassertag am 22. März, beginnt ein Jahrzehnt des Wassers: Kofi Annan, Generalsekretär der Vereinten Nationen, wird die Dekade "Wasser zum Leben" ausrufen und die drohende "globale Wasser-Krise" ins Zentrum seiner Arbeit rücken. Aus gutem Grund: Nach Einschätzung von Ökonomen der UN würde beispielsweise Afrika in der wirtschaftlichen Entwicklung und der Verringerung von Armut geradezu "astronomische Fortschritte" machen, wäre nur die Wasserfrage beantwortet. Das gilt nicht nur für die Modernisierung der Landwirtschaft: So vergeuden Frauen vielfach bis zu sechs Stunden pro Tag mit dem kilometerweiten Transport von Wasser, allein Indiens Frauen und Mädchen kostet dies 150 Millionen Arbeits- und Schultage im Jahr. Sicherheitspolitisch gilt der Streit um das "Blaue Gold" als das Konfliktpotential, das dem "Schwarzen Gold" Erdöl bald den Rang ablaufen könnte. Was mit Blick auf den Nahost-Konflikt bekannt ist, gilt auch für Flüsse wie den Rio Grande in Mexiko, den Euphrat in der Türkei oder den Nil, dessen Ressourcen sich allein zehn Anrainer-staaten teilen. Ganz zu schweigen von der humanitären Dimension des Wassermangels: 80 Prozent aller Patienten in Entwicklungsländern erkranken nur, weil sie schlechtes Wasser getrunken haben - 6000 Kinder sterben daran jeden Tag.

          Wasser ist aus diesen Gründen zentrales Element der "Millenniums-Ziele": Industrie- und Entwicklungsländer haben beschlossen, unter anderem die Zahl der Armen und der Menschen ohne Trinkwasserzugang bis 2015 zu halbieren. Das ist die derzeit wohl ehrgeizigste Herausforderung der Entwicklungspolitik. Heute mangelt es 1,2 Milliarden Menschen an Zugang zu Trinkwasser und 2,4 Milliarden Menschen fehlt es an sanitären Basiseinrichtungen wie Toiletten und Waschmöglichkeiten. Das bedeutet: Bis 2015 müssen pro Jahr für mehr als 100 Millionen Menschen Wasseranschlüsse und für fast 170 Millionen sanitäre Anlagen errichtet werden.

          Deutschland hat aus diesem Grund in 27 Entwicklungsländern die Wasserversorgung zum Schwerpunkt der Zusammenarbeit gemacht. Finanziell stellt die Bundesregierung mit 350 Millionen Euro pro Jahr von allen europäischen Staaten die meisten Mittel für den Wassersektor bereit und ist weltweit der zweitgrößte Geber. Sie unterstützt so Dorfkomitees, die fortan ihre Brunnen gemeinsam bewirtschaften, aber auch Gemeinschaftswasserstellen in armen Stadtvierteln wie den ehemaligen Townships in Südafrika, sie fördert grenzüberschreitende Kooperationen etwa der Anrainer des Nils, und sie hilft die administrativen Kapazitäten aufzubauen, mit denen Entwicklungsländer selbst überfällige Reformen ineffizienter und korrupter Wasserversorger in die Hand nehmen können. Dennoch sind international die Fortschritte noch ungenügend.

          Doch muß vor Irrtümern gewarnt werden. So dient manchen Kritikern das Thema Wasser als Beleg, daß Entwicklungszusammenarbeit ohne Wirkung bleibe. Tatsächlich gelingt es der Staatengemeinschaft, täglich rund 225000 Menschen mit neuen Anschlüssen für Trinkwasser zu versorgen. Das sind weniger als erhofft - gemäß den Millenniums-Zielen müßten es sogar 300000 Menschen sein. Doch gibt es enorme Fortschritte: In Asien sind heute 84 Prozent der Menschen versorgt, 1990 waren es nur 71 Prozent. Ähnlich ist die Entwicklung in Lateinamerika. Afrika hinkt zwar hinterher, kommt aber trotz eines rapiden Bevölkerungswachstums voran: Hatten 1990 nur 49 Prozent der Afrikaner Trinkwasserzugang, waren es 2002 bereits 58 Prozent. Bei der Wasserfrage zeigt sich: Die Entwicklungspolitik hat Erfolge vorzuweisen.

          Es geht auch um die Beteiligung privater Unternehmer an der Wasserversorgung in Entwicklungsländern. Was viele Globalisierungskritiker als "Ausverkauf des Menschenrechts auf Wasser" und Symbol einer "Globalisierung der Konzerne" geißeln, ist eine rein praktische Frage: Welchen Beitrag können private Investoren mit ihrem Know-how und Kapital für eine Wasserversorgung leisten, die heute in vielen Ländern dramatische Defizite aufweist und weltweit zu 95 Prozent in öffentlicher Hand ist? Teils hat die Beteiligung privater Unternehmer zu Fehlschlägen geführt, teils mangelt es den Konzernen an wirtschaftlichem Interesse - teils haben private Investoren die Versorgung auch der Ärmsten mit Trinkwasser stark verbessert, weil die Rahmenbedingungen stimmten. Diese müssen wir jeweils genau studieren und pragmatisch im Sinne der Ärmsten nutzen. Sonst werden wir die Chance der Wasser-Dekade verspielen.

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