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Gastbeitrag : Wie ich fast ein Dschihadist wurde

  • Aktualisiert am

Dschihadisten im Irak Bild: AFP

Ich verstehe, warum sich im Westen aufgewachsene Jugendliche den Dschihad-Bewegungen wie dem „Islamischen Staat“ anschließen. Ich wäre beinahe selbst einer von ihnen gewesen. Ein Gastbeitrag von Michael Muhammad Knight.

          Der „Islamische Staat“ (IS) hat vor kurzem wieder ein grauenhaftes Enthauptungsvideo veröffentlicht -  wieder einmal angeführt von einem im Westen aufgewachsenen Dschihadisten. Wie so oft, erhielt ich Nachrichten, in denen ich um Erklärung der Vorgänge gebeten wurde. Denn, Sie müssen wissen, ich wäre selbst beinahe Dschihadist geworden.

          Vor zwanzig Jahren habe ich mein katholisches Gymnasium im Norden New Yorks verlassen, um an einer Koranschule in Pakistan zu studieren, die durch Saudi-Arabien unterstützt wurde. Als junger Konvertit ergriff ich die Chance, in einer Moschee zu leben und den ganzen Tag lang den Koran zu studieren.

          Das alles geschah Mitte der 1990er Jahre, als der tschetschenische Widerstand gegen die russische Herrschaft eskalierte. Nach der Schule schalteten wir den Fernseher an und sahen uns die Bilder der Zerstörung und des Leidens an. Die Videos waren bestürzend. So bestürzend, dass ich mich bei dem Gedanken ertappte, meine religiöse Ausbildung aufzugeben, zur Waffe zu greifen und für die Freiheit Tschetscheniens zu kämpfen.

          G.I. Joe und meine amerikanischen Wertvorstellungen waren schuld

          Es war kein Vers aus unseren Koranstudien, der mich auf diese Gedanken brachte, sondern meine amerikanischen Wertvorstellungen. Ich war in den 1980er Jahren aufgewachsenen, der Reagan-Ära. Ich habe aus G.I. Joe-Cartoons gelernt, dass man (so hieß es im Titelsong) „für die Freiheit kämpfen solle, wo immer es gerade Probleme gibt“. Ich nahm an, dass Individuen das Recht - und die Pflicht - hatten, überall auf unserem Planeten einzugreifen, wo sie wahrnahmen, dass Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit in Gefahr waren.

          Nach Tschetschenien zu gehen, war für mich nicht auf meine „muslimische Wut“ oder „Hass auf den Westen“ zurückzuführen. Es mag schwer zu glauben sein, aber ich betrachtete den Krieg unter dem Gesichtspunkt des Mitleids. Wie so viele Amerikaner, die aus Liebe zu ihrem Vaterland Dienst an der Waffe tun, sehnte auch ich mich danach, gegen Unterdrückung zu kämpfen und die Sicherheit und Würde anderer zu beschützen. Ich glaubte, dass die Welt in einem schlechten Zustand war. Und ich setzte all meinen Glauben in die magische Lösung, dass die Welt gerettet werden könne, wenn sich nur ein authentischer Islam erneuern würde und ein wahrhaft islamisches Regierungssystem etabliert würde. Ich glaubte aber auch, dass für die gerechte Sache zu arbeiten wertvoller sei als mein eigenes Leben.

          Ausgerechnet die Traditionalisten brachten mich davon ab

          Letztendlich entschloss ich mich dazu, in Islamabad zu bleiben. Die Menschen aber, die mich davon überzeugten, waren nicht jene, die in den Medien als liberale, dem Westen freundlich gesinnte Reformer auftauchten. Es waren erzkonservative Menschen – manche würden sie wohl „intolerant“ nennen. In der gleichen Lernumgebung, in der mir beigebracht wurde, dass meine nicht-muslimische Mutter im ewigen Höllenfeuer brennen würde, wurde mir nun versichert, ich könne als Gelehrter mehr Gutes in der Welt ausrichten denn als Soldat. Und dass ich danach streben solle, mehr zu sein als ein Leichnam in einem Graben. Diese Traditionalisten erinnerten mich an Mohammeds Formulierung, dass die Tinte der Gelehrten heiliger sei als das Blut der Märtyrer.

          Die Medien ziehen oft eine klare Linie zwischen unseren eingebildeten Kategorien von „guten“ und „schlechten“ Muslimen. Meine Brüder in Pakistan hätten diese Einteilung weitaus schwerer gemacht, als einige sich vorstellen können. Diese Männer, die ich als Superhelden der Frömmigkeit verehrte, die zu mir als die autorisierte Stimme der Tradition selbst sprachen, sie sagten mir, dass Gewalt nicht das beste sei, das ich zu bieten hätte.

          Einige Jugendliche scheinen in meiner Situation anders beraten worden zu sein.

          Es ist leicht, anzunehmen, dass religiöse Menschen, besonders Muslime, einfach Dinge tun, weil ihre Religion sie ihnen vorschreibt. Doch wenn ich über meinen Impuls nachdenke, im Alter von 17 Jahren fortzulaufen und ein Kämpfer der tschetschenischen Rebellen zu werden, dann muss ich mehr bedenken als nur die religiösen Fakten. Die Szenario, das ich mir davon ausmalte, Tschetschenien zu befreien und in einen islamischen Staat zu verwandeln, war eine rein amerikanische Phantasie, basierend auf amerikanischen Idealen und Werten. Jedes Mal, wenn ich von einem Amerikaner höre, der um die halbe Welt fliegt, um sich in einen Freiheitskampf zu werfen, der nicht sein eigener ist, so denke ich: Was für eine sehr, sehr amerikanische Sache, genau das zu tun.

          Und das ist das Problem. Wir werden dazu erzogen, Gewalt zu lieben und militärische Eroberung als Akt der Menschenfreundlichkeit zu verehren. Der amerikanische Junge, der an dem Bürgerkrieg einer anderen Nation teilnehmen will, verdankt seine Weltanschauung genauso dem amerikanischen Sonderweg wie den dschihadistischen Auslegungen der Schrift. Ich bin in einem Land aufgewachsen, das militärische Opfer glorifiziert und sich dazu berechtigt fühlt, andere Gesellschaften nach seinen eigenen Vorstellungen aufzubauen. Ich habe diese Werte verinnerlicht, bevor ich überhaupt über Religion nachgedacht habe. Bevor ich überhaupt wusste, was ein Muslim ist, geschweige denn die Konzepte des „Dschihad“ und des „islamischen Staates“ kannte, hat mir meine amerikanische Erziehung beigebracht, dass es genau das ist, was ein mutiger Mann tun muss.

          Der Beitrag wurde zuerst in der Washington Post veröffentlicht. Übersetzung aus dem Amerikanischen von Maria Wiesner.

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