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Gastbeitrag : Warum ich nicht Charlie bin

  • -Aktualisiert am

Solidaritätskundgebung für „Charlie Hebdo“ in München Bild: dpa

Ich kann die Motivation derer begreifen, die deklarieren: „Ich bin Charlie.“ Trotz aller Sympathie gegenüber den Opfern und ihren Nächsten würde ich mir nie das Abzeichen mit diesem Logo anstecken.

          Die Mordtaten in Frankreich zwingen zum Nachdenken über viele Sachen, über die - nachdem die Wellen der Emotionen sich gelegt haben - eine ernste Debatte geführt werden sollte. Ja, wir haben es schon vielhundertmal gehört und wohl alle sind wir uns darin einig: Akte der Gewalt und Gehässigkeit, welcher Art auch immer, sind strengstens zu verurteilen, die jüngsten Morde lassen sich durch nichts rechtfertigen. Vor dem sich „Islamischer Staat“ nennenden Kraken und dessen Fangarmen in Gestalt terroristischer Kampfgruppen darf man keinen Schritt weichen. Zugleich sind aber jene Menschen zu schätzen, die in den gegenwärtigen aufgewühlten Umständen in der Lage sind, kühlen Kopf zu bewahren und zwischen dem Islam und den die Symbole und die Rhetorik des Islam missbrauchenden Islamisten zu unterscheiden; zu schätzen sind jene, die imstande sind, Nein zu sagen nicht nur zum Terrorismus, sondern auch zu den Populisten, die aus Angst vor dem Islam politische Punkte gewinnen wollen und pogromartige Stimmungen gegen Minderheiten und Einwanderer schüren.

          Was mich jedoch verlegen und stutzig macht, ist die Bemühung, die unglücklichen Opfer aus der Redaktion der Pariser satirischen Zeitschrift als Helden und Symbole unserer Kultur hervorzuheben und zu feiern. Wenn Präsident Hollande die Redakteure der Zeitschrift „Charlie Hebdo“ „unsere Helden“ nennt, kommen damit, fürchte ich, die Seichtheit und Leere nicht nur dieses Politikers ans Licht, sondern auch der von ihm repräsentierten politischen Kultur.

          Ist Verantwortungslosigkeit eine Tugend?

          Ich kann gut die Motivation derer begreifen, die deklarieren: „Ich bin Charlie.“ Trotz aller Sympathie gegenüber den Opfern und ihren Nächsten würde ich mir nie das Abzeichen mit diesem Logo anstecken. Denn ich bekenne mich zu einer anderen Gestalt unserer Kultur - zu jener nämlich, die auch Humor und Ironie sowie Polemik gegen den Fanatismus und Fundamentalismus kennt und die Freiheit des Wortes verteidigt, jedoch auch empathisch sein kann gegenüber den anderen und deren Werte achtet, einer Kultur, die weiß, dass diese Achtung kein weniger wichtiger Wert ist als die Redefreiheit. Ich rufe nach keiner Zensur, nach keinen Institutionen, die von außen her über die Grenzen des Geschmacks entscheiden. Ich bin überzeugt, dass zu Kultur die Fähigkeit zu kritischer Selbstreflexion gehört, zu Freiheit und mündigem Handeln, zu Unterscheidung. Stellt tatsächlich die Verantwortungslosigkeit, die die Zeitschrift „Charlie Hebdo“ als Untertitel führt, eine des Feierns und des allgemeinen Beifalls würdige Tugend dar?

          Ich protestiere nicht gegen die Existenz der Zeitschrift, ich erlaube mir nur zu denken, dass die Existenz solcher Zeitschriften vielmehr der Preis für die Freiheit ist als die Galionsfigur der freien Kultur. Zur freien Kultur gehört zwar auch ein Raum für Dekadentes, Geschmackloses und billig Provokatives, aber wenn man die Freiheit gegen Gewalt und Hass verteidigt, sollte man sich doch vor dem anderen Extrem hüten, nämlich davor, das Dekadente und Zynische als heiliges Sinnbild unserer Kultur und Freiheit zu feiern: Zu Freiheit gehört Verantwortung.

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