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Indien und Deutschland : Höchste Zeit für eine engere Partnerschaft

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An der Fahrtstrecke der Kolonne des Bundespräsidenten in Varanasi stehen zahlreiche Menschen und winken mit deutschen und indischen Fähnchen. Bild: dpa

Bundespräsident Steinmeier bereist die größte Demokratie der Welt. Doch Indien und Deutschland schaffen es einfach nicht, ihr gemeinsames Potential auszuschöpfen. Ein Gastbeitrag.

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          Seit der Unterzeichnung der „Agenda für die deutsch-indische Partnerschaft im 21. Jahrhundert“ im Jahr 2000 suchen Deutschland und Indien, ihr großes Potential für Zusammenarbeit in allen Bereichen zu nutzen. Die bilateralen Beziehungen sind schon deutlich älter. Sie können bis in die fünfziger Jahre zurückverfolgt werden. 1951 gingen Delhi und Bonn diplomatische Verbindungen miteinander ein. Indien zählte zu den ersten Staaten, die die junge Bundesrepublik anerkannten. Seitdem haben die Beziehungen zwischen den Beiden Höhen und Tiefen erlebt: Die Ära des Kalten Kriegs mit ihrer zerbrechlichen Balance, dann die neunziger Jahre, die zum Zeuge von weitreichenden, strukturellen Verschiebungen wurden. Der Fall der Berliner Mauer und der Zusammenbruch der Sowjetunion hatten zur Folge, dass beide Länder nicht mehr an ihre vorherigen politischen Erwägungen gebunden waren. Ihre Beziehung verbesserte sich nach dem Ende der indischen Nukleartests 1998 zusehends.

          Der Dreh- und Angelpunkt der indisch-deutschen Beziehungen ist weitgehend der Handel, und die wirtschaftlichen Bande sind nach wie vor das Kernstück der Beziehungen. Deutschland ist die siebtgrößte Quelle für ausländische Direktinvestitionen in Indien. Von April 2000 bis März 2017 haben deutsche Unternehmen in Indien rund 9,7 Milliarden amerikanische Dollar investiert – oder sieben Prozent. Die indischen Investitionen sind beträchtlich gestiegen und belaufen sich auf rund sieben Milliarden amerikanischer Dollar, vor allem im IT-Sektor, in der Pharma-, Biotech- und Automobilindustrie. In der EU ist Deutschland Indiens größter Handelspartner. 2008 wurden gemeinsame Seeübungen abgehalten. Seit 2003 finden zwischenstaatliche Besuche auf höchster Ebene regelmäßig statt. Davon zeugt auch der gegenwärtige Aufenthalt von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

          Es existiert eine fundamentale Diskrepanz

          Doch für zwei wachsende Demokratien, die sowohl auf regionaler als auch auf internationaler Ebene wichtige Akteure sein wollen, ist die Zusammenarbeit bescheiden geblieben. Es existiert eine fundamentale Diskrepanz in der Sicherheitsausrichtung beider Länder, und manchmal auch in ihren Weltanschauungen. Berlin, eine aufstrebende Macht, die das von Großbritannien hinterlassene Vakuum in der EU füllen muss, betrachtet Sicherheitskooperationen immer noch aus einer europäischen und transatlantischen Perspektive. Asien spielt, abgesehen von China, in den außenpolitischen Überlegungen hierzulande nur eine kleine Rolle hierzulande, vielleicht sogar noch eine kleinere als Afrika.

          Indien bevorzugte lange bilaterale Sicherheitsvorkehrungen. Doch inzwischen löst sich Delhi von diesem alten politischen Mantra und findet mehr Gefallen an multilateralen Sicherheitskooperation. Der kürzliche Besuch von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in Indien hat die Gelegenheit für Delhi aufgezeigt, die Möglichkeit einer Allianz mit Frankreich und Deutschland zu erkunden. Maritime Sicherheit, Klimawandel und Terrorismusbekämpfung sind nur einige Themen, an denen sich die Überlegungen ausrichten. Um zu strategischer Übereinstimmung zu gelangen, bedarf es auch einer verstärkten Zusammenarbeit im Energiebereich sowie tiefere Beziehungen zwischen den Menschen beider Länder. Die indische Diaspora in Deutschland ist über 150.000 Menschen stark. Sie sind ein wertvolles Kapital, um die Länder näher zusammen zu bringen. Darüber hinaus sollen auch neue Kooperationen und Partnerschaften wie das „Make in India Mittelstand“-Projekt helfen, Synergien zu schaffen und die Beziehung zu fördern.

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