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Gastbeitrag : Benedikts Albtraum

  • -Aktualisiert am

In der Kritik: Papst Benedikt XVI. Bild: ddp

Wieso muss sich der Papst plötzlich jedem erklären? Zweifellos haben die Ereignisse der vergangenen Woche der katholischen Kirche geschadet - doch der Vorwurf, Benedikt XVI. habe eine restaurative Gesinnung, schlägt fehl. Umso mehr ist jetzt die Solidarität der Katholiken mit dem Papst vonnöten.

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          Allein durchschritt Papst Benedikt XVI. am 28. Mai 2006 das Tor des Vernichtungslagers Auschwitz. Er ging die Steine des Gedenkens an die Opfer entlang; dann hielt er inne: „Da ist der Gedenkstein in hebräischer Sprache. Die Machthaber des Dritten Reiches wollten das jüdische Volk als Ganzes zertreten, es von der Landkarte der Menschheit tilgen.“ Erschüttert über das Böse, habe er lieber nicht sprechen wollen: „An diesem Ort des Grauens, einer Anhäufung von Verbrechen gegen Gott und den Menschen ohne Parallele in der Geschichte, zu sprechen ist fast unmöglich – ist besonders schwer und bedrückend für einen Christen, einen Papst, der aus Deutschland kommt.“ Seine Zuflucht nahm der Papst bei einem Psalm, der Juden und Christen gemeinsam ist.

          Neun Monate zuvor hatte Benedikt in der Kölner Synagoge versprochen, das Erbe seines Vorgängers Papst Johannes Paul II. fortzusetzen. Eindringlich legte er dar, wie sich das Zweite Vatikanische Konzil, die große programmatische Bischofsversammlung des 20. Jahrhunderts, zu den gemeinsamen Wurzeln von Christen und Juden bekannt hatte. Er wandte sich gegen jede Form von Antisemitismus und appellierte an die Verantwortung der Gegenwart, dafür zu sorgen, dass „nie wieder“ das Böse die Herrschaft erlange. Noch vor wenigen Tagen erinnerte er an die Shoah, die dazu anstifte, darüber nachzudenken, welch unvorhersehbare Macht das Böse habe, wenn es das Herz des Menschen ergreife.

          Was ist geschehen?

          Angesichts der mehrfach geäußerten Haltung des Papstes zum Holocaust stellt sich die Frage: Was ist geschehen, dass ihm, der immer wieder seine tiefe Erschütterung über den Holocaust zum Ausdruck gebracht hat, unisono ein Chor entgegentönt, der fordert, er möge sich endlich einmal erklären?

          Eine erste Antwort, die aber an der Oberfläche bleibt, lautet: die Rücknahme einer Sanktion. Ein Straferlass habe den Falschen Nähe angeboten und alles verdunkelt; seinetwegen müsse sich der Papst erklären. Ein Straferlass? Die katholische Kirche kennt Kirchenstrafen, zu denen die Exkommunikation gehört. Gegen wen sie verhängt wird, der darf die Sakramente nicht mehr empfangen. Die obersten Würdenträger der separatistischen Bruderschaft St. Pius wurden so bestraft, weil 1988 gegen ein ausdrückliches Verbot des Vatikans Bischöfe geweiht wurden, die den Fortbestand der Gruppe sichern sollten.

          Was aber sind die Gründe für diesen Straferlass? Papst Benedikt XVI. bewegt das große Interesse an einer schrittweisen Wiederannäherung zwischen der katholischen Kirche und den Separatisten, die bessere Chancen hat, wenn jene Bischöfe nicht mit der Exkommunikation belegt sind. Diese zurückzunehmen ist das Recht des Papstes.

          Zu wenig differenzierte Vorwürfe

          Wohlgemerkt, und hier wurde in den Medien wenig differenziert: Nicht enthalten ist in diesem Beschluss die Erlaubnis, als katholische Bischöfe und Geistliche zu wirken; sie haben keinen amtlichen Auftrag in der Kirche. Sie sind außen vor. Sollten sie jemals mit allen priesterlichen wie bischöflichen Rechten und Pflichten in der Kirche tätig werden wollen, so müssen sie zunächst ohne Wenn und Aber ihren oft unsinnigen und teils empörenden Ideen abschwören und die Lehre der Kirche, wie sie sich gerade im Zweiten Vatikanischen Konzil spiegelt, in vollem Umfang annehmen. Daran hat der Vatikan nicht den leisesten Zweifel gelassen. Ob es jemals so weit kommen wird – man darf es bezweifeln. Für Papst Benedikt war dieser Zweifel kein ausreichender Grund, diesen Versuch nicht zu wagen.

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