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Gasprojekt South Stream : Putins Niederlage

  • -Aktualisiert am

Für den russischen Präsidenten war die Gasleitung durchs Schwarze Meer ein Projekt zur Einflusssicherung in Europa. Ihr Scheitern ist kein Grund zum Feiern.

          Man wird wahrscheinlich erst im historischen Rückblick sagen können, ob es eine kluge Entscheidung von Präsident Putin war, den Handel mit Gas zu einem Instrument der Geopolitik zu machen.

          Seine Vorvorgänger in der Sowjetunion waren da vorsichtiger. Trotz des scharfen Systemkonflikts mit dem Westen haben sich die kommunistischen Kremlherren stets davor gehütet, die Lieferbeziehungen mit Europa in Frage zu stellen. Vielleicht hatten sie eine klarere Vorstellung davon, dass man sich ins eigene Fleisch schneiden kann, wenn man strategische Spielchen mit seiner wichtigsten Einnahmequelle treibt.

          Putin hat auf diesem Feld jetzt eine Niederlage erlitten, seine erste überhaupt. Das Leitungsprojekt South Stream war ersonnen worden, um die Ukraine zu umgehen, um den Balkan weiter in russischer Abhängigkeit zu halten und um das europäische Projekt Nabucco zu verhindern. Nur das letzte dieser Ziele hat der russische Präsident erreicht, und das auch nur zur Hälfte: Nabucco wird zwar nicht gebaut, kaspisches Gas aber über andere Leitungen nach Europa fließen.

          Dass Putin nicht zuletzt an der neuen bulgarischen Regierung scheiterte, zeigt die Nebenwirkungen seiner Polarisierungspolitik in Osteuropa. Westlich orientierte Regierungen zögern, sich auf Geschäfte mit Russland einzulassen, wenn dahinter ein hegemonialer Anspruch steht.

          Ob Putin stattdessen in Asien neue Kunden findet, wie er zu hoffen scheint, ist nicht sicher. Die ersten Verträge, die er mit China geschlossen hat, sind zugunsten Pekings ausgefallen, das noch andere Lieferanten hat und im Gegensatz zu Europa wirklich ein strategischer Rivale Russlands ist.

          Langfristig fördert Putin ohnehin nur die Tendenz, sich von russischen Energieträgern unabhängig zu machen, gerade in der EU.

          Trotzdem ist das Ende von South Stream für die Europäer kein Grund zum Feiern. Sie bleiben fürs Erste abhängig vom Lieferweg über die Ukraine. Das war schon in der Vergangenheit nicht ohne Risiko, wie die diversen Streitigkeiten zwischen Kiew und Moskau gezeigt haben.

          Jetzt ist die Ukraine ein Bürgerkriegsland mit unklarer politischer Zukunft. Die EU wird schon um ihrer Versorgungssicherheit Willen mehr Geld und politisches Kapital in dieses Land stecken müssen als vor dem Majdan-Aufstand je geplant war.

          Nikolas Busse

          Verantwortlicher Redakteur für die Frankfurter Allgemeine Woche und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik (F.A.Z.).

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