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Muammar al Gaddafi : "Bruder Oberst" aus einer anderen Welt

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Namen hatte „Bruder Oberst“ viele: Terror-Pate, politischer Derwisch, Irrlicht der arabischen Welt; Irrer von Tripolis
Namen hatte „Bruder Oberst“ viele: Terror-Pate, politischer Derwisch, Irrlicht der arabischen Welt; Irrer von Tripolis : Bild: REUTERS

Der "Bruder Oberst" begriff sich als Schöpfer einer dritten Universaltheorie - neben Kapitalismus und Kommunismus. Die Widersprüche beider wurden nach Gaddafis Lehre in seinem Volksmassenstaat, der Volksdschamahirija, endgültig aufgelöst. Dafür stand sein der Mao-Bibel nachempfundenes Grünes Buch, das Islam und Sozialismus Gaddafi'scher Prägung verbinden sollte. Gaddafi stellte vor allem auf den Koran ab, während ihm die Scharia, das religiöse Gesetz des Islams, weniger bedeutete. Spätestens da zog er sich den Zorn aller Fundamentalisten und Islamisten zu, die ihn bis heute ablehnen, obwohl sich der Bruder Oberst als Kämpfer auch für den Islam sah.

Auch seine weibliche Garde war den Frommen allezeit ein Dorn im Auge. Die "islamischen Revolutionäre" in Teheran jedenfalls wussten denn auch mit Gaddafi im Grunde recht wenig anzufangen. Usama Bin Ladin war sein Todfeind. In Gaddafis Volksdschamahirija regierten die angeblich die sogenannten Volkskongresse. Doch in der libyschen Basisdemokratie herrschte Gaddafi. Geheimdienste, Zensur und Folter hielten das Land in Angst und Schrecken, viele Jahre jedoch auch zusammen.

Wie ein Geisteskranker in einer selbst installierten Phantasiewelt wirkte Gaddafi in seinen letzten Jahren
Wie ein Geisteskranker in einer selbst installierten Phantasiewelt wirkte Gaddafi in seinen letzten Jahren : Bild: AFP

Zugleich gab sich Gaddafi alle Mühe, sich zum einfachen Beduinen zu stilisieren. Sein Hang zum Folkloristischen wurde im Laufe der Jahre immer grotesker. Phantasieuniformen ergänzten sich mit einem beduinischen Kleiderkodex und dem Zelt, das er aufschlug, wo immer er gerade war. Dies war Gaudi, nicht Authentizität. Dass Gaddafi zu keinem Zeitpunkt der einfache, arme, machtlose Mann der Wüste war, der zu sein er vorgab, wurde dem Volk in diesen Monaten deutlich, als es die Residenzen des Führers und seiner Familie stürmte. Man erinnerte sich der Bilder aus Bagdad, als die Iraker 2003 sich in Saddam Husseins Luxusbädern räkelten. Auch bei den Gaddafis war alles vom Feinsten, während es der Bevölkerung in den vergangenen Jahren zunehmend schlechter erging.

Nach der Jahrtausendwende konnte man glauben, der libysche Machthaber habe sich gewandelt. Offenkundig suchte er, der sich nun auch als großer Afrikaner vor dem Herrn verstand und verstärkt Afrikaner aus dem Süden ins Land holte, seine Isolation im Westen zu überwinden. Die war - schon seines Erdöls wegen - nicht so sonderlich groß (schon gar nicht in Italien und Deutschland). Doch nutzte Washington Gaddafis Bereitschaft, auf sein geplantes Nuklearprogramm zu verzichten, zur sichtbaren Verbesserung der Beziehungen. Bevor die "Arabellion" ausbrach und schließlich auch sein Land erfasste, konnten die Verhältnisse zwischen Tripolis und Washington sogar als einigermaßen normalisiert, möglicherweise sogar als gut beschrieben werden. Zum Italien des schillernden Silvio Berlusconi gestalteten sie sich bis fast zuletzt besonders freundschaftlich.

In der Person Gaddafis hat nun der dritte arabische Staatschef innerhalb weniger Monate seinen Thron verloren, Gaddafi sogar sein Leben. Wird das Auswirkungen auf den Nachbarn Algerien haben, zumal der einen Teil der Familie als Exilierte aufgenommen hat? Schon hat sich das Klima zwischen Algier und dem libyschen Nationalen Übergangsrat deshalb verdüstert. Gaddafis gewaltsames und unrühmliches Ende kann möglicherweise auch dazu beitragen, dass die an der Macht verbliebenen Despoten um so schrecklicher hausen, um ihre Position zu bewahren - zumal Gaddafi auch mit internationalem Haftbefehl gesucht wurde und vor Gericht gestellt werden sollte. Sie stammen aus einer Welt, die auch Muammar al Gaddafi während des größten Teils seiner Herrschaft repräsentierte.

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