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Muammar al Gaddafi : „Bruder Oberst“ aus einer anderen Welt

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Dem folgte auch der junge Gaddafi. Nasser war und blieb lange Zeit sein politisches Idol. Wie dieser Faruk gestürzt hatte, so stürzte Gaddafi König Idris. Der ging ins türkische, später ins Kairoer Exil, wo er hochbetagt starb. Der neue Mann an der Spitze des Wüstenstaates modernisierte das Land, schuf kostenlose soziale Dienste, förderte die Alphabetisierung, baute Krankenhäuser, Schulen, Universitäten, Kongresszentren. Dank der Öleinnahmen konnte der „brüderliche Führer“ aus dem Vollen schöpfen. Es wurde geklotzt, nicht gekleckert.

Der Herrscher-Clan festigt seine Macht

Doch im Falle Gaddafis wiederholte sich, was auch bei den anderen arabischen Despoten zu beobachten ist: Nach einem dynamischen Anfang, der erste Hoffnungen des Volkes durchaus befriedigt, wird die Macht zum Selbstläufer. Der Schwung der „Revolution“ erlahmt, nur noch nach außen werden die neuen Riten gepflegt, die Sprechweise aufrechterhalten. Die Macht ist konsolidiert und scheint durch nichts mehr gefährdet werden zu können. Der Herrscher-Clan festigt seine Macht - mit allen Privilegien, die in einer in vieler Hinsicht vormodernen Gesellschaft als normal angesehen werden und die in vielen Jahrhunderten der Despotie eingeübt wurden. Dem Gaddafi-Clan erging es da nicht anders als etwa den Ben Alis (Trabelsis) von Tunesien und den Mubaraks von Ägypten.

Kämpfer des Übergangsrates an dem Ort, an dem sich Gaddafi versteckt haben soll.
Kämpfer des Übergangsrates an dem Ort, an dem sich Gaddafi versteckt haben soll. : Bild: AFP

In den vier Jahrzehnten seiner Machtausübung hat Gaddafi ungezählte Revolten außerhalb Libyens angezettelt, die zunächst seinem Ziel, dem Panarabismus, dienen sollten. Später wandte er sich stärker der Dritten Welt und Afrika zu, deren Zustand er verbessern wollte; vor allem ging es ihm um das Gleichgewicht in einer damals vom Westen beherrschten modernen Welt. Überall unterstützte er - in Worten und mit Geld - die Entrechteten und Unterdrückten dieser Erde oder jene, die er dafür hielt. In der Westsahara, in Tschad, im libanesischen Bürgerkrieg und bei den Palästinensern mischte er sich ein. Sogar bei den Moro-Rebellen auf den fernen Philippinen, auf Mindanao. Eine Zeitlang fanden die Vertreter der nordamerikanischen Indianer sein geneigtes Ohr, aber auch viele andere in den Ländern der damals so genannten „Blockfreien“-Bewegung.

Gaddafi bei einem Treffen mit dem italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi in Rom im August 2010
Gaddafi bei einem Treffen mit dem italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi in Rom im August 2010 : Bild: REUTERS

Gaddafis „Kampf“ glitt dabei mehr und mehr in den Terror ab, den der libysche Despot als legitimes Mittel der Schwachen interpretierte und rechtfertigte. Er war Urheber der verheerenden Anschläge auf die Berliner Diskothek „La Belle“ und des weitaus blutigeren Anschlags im Jahre 1988 auf ein Flugzeug der amerikanischen Fluggesellschaft PanAm. Über dem schottischen Lockerbie wurden damals 270 Personen getötet. Das waren nur die größten Untaten, mit denen sich Gaddafi den Ruf eines „Paten des Terrors“ erwarb, den er auch nicht mehr loswerden wird. Auch die deutsche RAF gehörte zu jenen Gruppierungen, denen sein „revolutionäres“ Wohlwollen galt. 1986 flogen die Vereinigten Staaten Luftangriffe auf seine Residenz Bab al Asisija, eine Adoptivtochter, wie es hieß, wurde dabei getötet. Ein Denkmal erinnerte dort an den Widerstand Gaddafis gegen den „Imperialismus“.

Im August, als die Truppen des Nationalen Übergangsrates die Hauptstadt erobert hatten, bedeckten sie dieses mit ihrer Flagge und streiften ungläubig durch die Flure und Folterkeller, die Gaddafi unter dem Anwesen angelegt hatte. Gaddafi hatte Amerika schon viele Jahre vor dem Luftangriff als den Weltfeind Nummer eins ausgemacht, wobei immer wieder kolportiert wurde, nichts würde ihn stolzer machen als ein offizieller Staatsbesuch in Washington. Er, Gaddafi, Seite an Seite mit dem amerikanischen Präsidenten, dem mächtigsten Mann der Erde. Moskau, dem sich der libysche Revolutionsführer annähern wollte, wusste nicht so recht, was es mit diesem erratischen Wesen und seinem Land anfangen sollte. Man versicherte Sympathie und Unterstützung, wahrte aber doch das Pathos der Distanz. Auch dem Kreml war Gaddafi nicht geheuer.

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