https://www.faz.net/-gpf-ur8i

G-8-Gipfel : Merkels Welt

  • -Aktualisiert am

Kanzlerin Merkel hofft auf Gespräche abseits diplomatischer Floskeln Bild: AP

Heute beginnt das Treffen der G 8 in Heiligendamm. Dauernd auf den Tisch hauen will Gastgeberin Angela Merkel nicht. Dennoch hat die Kanzlerin für die Verhandlungen die Losung ausgegeben: Keine faulen Kompromisse. Von Günter Bannas.

          „Ich habe gesagt, wir werden keine faulen Kompromisse eingehen. Aber wir wollen auch niemanden in die Ecke stellen. Wir wollen ja zusammen weiterkommen“, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel ständig in diesen Tagen als Vorgabe für das Treffen der Staats- und Regierungschefs der führenden Wirtschaftsnationen wiederholt. Als Gastgeberin des G-8-Gipfels, zu dem weitere Repräsentanten unter anderen aus China, Indien, Brasilien sowie afrikanischer Staaten hinzustoßen, oblag es ihr, die thematischen Schwerpunkte des Treffens zu bestimmen, und ihre frühere Tätigkeit als Bundesumweltministerin mag dazu beigetragen haben, die internationale Klimapolitik in das Zentrum zu rücken.

          Auch gibt sie sich ungeduldig, wie sie das früher schon getan hatte, wenn Koalitionskonflikte in der damaligen Regierung Kohl über Umwelt- und Verkehrspolitik auszutragen waren. Dass Drängen und Ungeduld auch eine mediale Bedeutung haben, sich mithin auf den innenpolitischen Erfolg des Treffens im Sinne Frau Merkels auswirken, war bei den Planungen stets berücksichtigt worden – wie es sich für Politiker gehört. Die Präsidentschaften Frau Merkels unter den G-8-Nationen und in der Europäischen Union waren fester Bestandteil der Arbeiten jener im Regierungsapparat, die sich mit Werbung, Image und Kampagnen befassen. Etwa 10.000 „Medienvertreter“ – darin eingeschlossen die technischen Dienste – ließen sich in den vergangenen sechs Monaten für die Treffen der G-8-Staaten und der EU akkreditieren.

          „Niemand weiß, wie es ausgeht“

          Mit ihrer Formel „keine faulen Kompromisse“ in der Klimapolitik wollte sie Grenzen eigener Zugeständnisse beschreiben und auch die der anderen europäischen Teilnehmer des G-8-Treffen, die innerhalb der EU schon anspruchsvolle Ziele beschlossen hatten. Mit „niemanden in die Ecke stellen“ meinte sie vor allen den amerikanischen Präsidenten Bush, der andere Vorstellungen hat und die industriepolitischen Bedingungen und Interessen in den Vordergrund stellte.

          Frau Merkel vermied es in den vergangenen Tagen, in der Öffentlichkeit schlecht über die amerikanischen Positionen oder gar über Bush selber zu reden. Sie will vermeiden, dass ihr politisch-persönliches Verhältnis zu Bush eine Delle erhält, wie sie einst zwischen Bush und dem vormaligen Bundeskanzler Schröder bestand.

          Deren erstes Treffen nach Bushs Wahl zum Präsidenten war auch schon von einem Streit über das Kyoto-Protokoll überschattet gewesen. Noch weniger aber will Frau Merkel die Klima-Politik mit dem Irak-Krieg auf eine Bedeutungsstufe in den deutsch-amerikanischen Beziehungen gestellt wissen. Doch haben die Sherpas und auch deren Chefs selber an Kompromissformeln gearbeitet. Die Tonlage öffentlicher Äußerungen verändert sich. Hieß es noch in der vergangenen Woche, „niemand weiß, wie es ausgeht“ und „es wird bis zum Schluss verhandelt“, so rücken nun die optimistischen Bekundungen in den Vordergrund.

          „Schon die Babys dürfen schreien“

          Zwar gibt es sogar beim Miterfinder der Weltwirtschaftstreffen, dem früheren Bundeskanzler Schmidt Zweifel, ob der Aufwand der Treffen noch in einem erträglichen Verhältnis zu den Ergebnissen stünden. Die Größe der Delegationen und die wachsenden Sicherheitserfordernisse sprengen frühere Rahmen.

          Frau Merkel könnte das auch so sehen – doch die Verhältnisse sind nicht danach. Wenn der amerikanische Präsident den Anspruch erhebt, gleich wo auf der Welt die Regierungsgeschäfte vollziehen zu können, wollen das andere auch. Auch die Sicherheitsmaßnahmen – voran den zwölf Kilometer langen Zaun – findet die Bundeskanzlerin „nicht schön“. Doch seien sie leider notwendig.

          Gleichwohl blieb sie bei einer Linie, friedliche Demonstranten seien mit ihren Anliegen ernst zu nehmen. Schmidt sieht es anders. Voller Sarkasmus sagte er jetzt der Bild-Zeitung: „Nur in Ausnahmefällen ist jemand unter 40 Jahren in der Lage, ein vernünftiges politisches Urteil über die Weltwirtschaft abzugeben. Aber friedlich demonstrieren geht natürlich in Ordnung. Schon die Babys dürfen schreien.“ Nie würde sich Frau Merkel – derzeit – so äußern.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Thomas Middelhoff beim Gespräch über sein neues Buch „Schuldig“ in Hamburg

          Middelhoff im Gespräch : „Es war die Gier nach Anerkennung“

          Thomas Middelhoff war Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann und galt als „Wunderkind“ der Wirtschaft. Dann kam der Absturz: Steuerhinterziehung, Haft, Privatinsolvenz. Jetzt bekennt sich der gestürzte Manager: „Schuldig“
          200 Nanometer Durchmesser: Virus Varicella Zoster (VZV)

          Gürtelrose : Höllischer Schmerz

          Die neue Impfung gegen Gürtelrose zahlen jetzt die Kassen. Gut so, denn wer einmal unter der Infektion litt, wird das so schnell nicht vergessen. Die Infektion ruft heftige Nervenschmerzen bei den Betroffenen hervor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.