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G-8-Gipfel : Blaue Stunde am Kurhaus

  • -Aktualisiert am

Gastgeberin Merkel lud ein, es wurde harmonisch Bild:

Schon früh war in Heiligendamm eigentlich alles besprochen: Klima, Afrika, Raketenabwehr. Die Weltwirtschaftsthemen hatten die Sherpas schon zuvor geklärt. Wulf Schmiese berichtet über eine entspannte Party der Mächtigsten der Welt im Gehege an der Ostsee.

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          Die großen acht haben sich frischgemacht, haben sich in ihren weißen Palästen ihre Hemdkragen aufgeknöpft, haben das Sommersakko angelegt, haben schon am zweiten Abend der drei Tage an der Ostsee den Höhepunkt ihres Gipfeltreffens überschritten. Nun kommen sie alle zum Sunsetdrink hinaus in die klare Luft. Die Abendsonne wärmt die Terrasse neben dem Kurhaus im Ostseebad Heiligendamm.

          Die Gastgeberin wartet mit einem Glas Riesling in der Hand. Ihre mächtigsten sieben Freunde nennen sie nur noch „Angela“. George Bush tritt als Erster zu ihr, bestellt ein alkoholfreies Bier. Tony Blair kommt hinzu, will eigentlich nichts trinken, bestellt aber schließlich doch etwas - ein richtiges Bier aus der Flasche.

          Der Aktendeckel bleibt zu

          Die drei nehmen Platz; die Dolmetscherin von Bundeskanzlerin Merkel zieht sich zurück an den Nebentisch und schweigt. Sie hat nichts zu übersetzen, ihre Chefin, Amerikas Präsident und Großbritanniens Premierminister reden Englisch miteinander. Da lugt Romano Prodi wie ein verirrter Strandvogel über einen Windschutz. Ach, da sitzen sie. Seine Leute zeigen ihm den Weg auf die Terrasse. Frau Merkel blinzelt ihm entgegen, unwirsch blickt sie gegen die Sonne. Prodi hat Papiere dabei, eine Aktenmappe.

          Entspanntes Treffen in Heiligendamm
          Entspanntes Treffen in Heiligendamm : Bild: AFP

          Eigentlich ist doch alles Wichtige besprochen. Selbst zu Afrika wurde eben während des Abendessens eine gemeinsame Linie für den Freitag festgelegt: Die G 8 will verkünden, sie gebe 60 Milliarden Dollar zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria. Das klingt zumindest spendabel, auch wenn noch niemand festlegen muss, bis wann er wie viel und welches Geld gibt, ob neues oder längst daheim im Haushalt für Entwicklungshilfe eingeplantes. Prodi hatte sich dennoch bei diesem Thema anfangs halsstarrig gezeigt. Nun hebt auch er sein Bier, der Aktendeckel bleibt zu.

          „In Sibirien ist es sowieso viel zu kalt“

          Während Prodi mit großen Gesten seine italo-englischen Worte untermalt, erscheint José Barroso, eine Flöte Champagner in der Hand. Barroso hat die meisten Pressekonferenzen gegeben an diesem Tag, obgleich er gar nicht viel zu sagen hat. In Heiligendamm darf der fröhliche Portugiese dabei sein, weil er Präsident der Europäischen Kommission ist. Klimaschutzabkommen - da ist die EU gefragt.

          Aber Barroso hat keine eigene Volkswirtschaft, keinen eigenen Haushalt - er ist keine Macht der G 8, die ja auch G 9 heißen müsste, wenn er das wäre. Hin und wieder versucht er sich einzumischen in das Gespräch. Zur Aufheiterung erzählt Barroso gerne Geschichten wie diese: Putin habe gesagt, ihm käme der Klimawandel ganz gelegen. „In Sibirien ist es sowieso viel zu kalt.“ Hahaha. Aber hier hören die vier anderen Barroso nicht zu; links von ihm plaudert Frau Merkel mit Bush, rechts Prodi mit Blair.

          Schwieriger Patient aus Kananda

          Barroso bestellt noch ein Flötchen Champagner, da erscheint Stephen Harper. Er ist der Größte von allen, mit 47 Jahren der Jüngste und wirkt wie der Scheuste. Seit einem guten Jahr regiert er Kanada. Dort wird ihm, dem ausgemacht Konservativen, vorgeworfen, sein Land zu stark auf den Kurs Amerikas bringen zu wollen.

          Harper lehnt wie Bush das Kyoto-Protokoll ab. Er galt auch Frau Merkel als schwieriger Patient wegen seiner rigorosen Ablehnung, sich Ziele für den Klimaschutz diktieren zu lassen. Hier in Heiligendamm jedoch war sein Widerstand schon gebrochen: Die Bundeskanzlerin hatte Harper am Montag in Berlin zum Einzelgespräch empfangen. Am Dienstag folgte Shinzo Abe, der erst seit acht Monaten Ministerpräsident von Japan ist.

          „Er hat sich ganz schön wichtig gemacht“

          Abe tritt mit leichter Verbeugung an den Teakholztisch, die anderen plaudern lebhaft weiter. Im Schatten des stillen Herr Abe folgt ein Dolmetscher, ein Mann mit Brille und festem Grinsen. Auf den ersten Blick schaut er aus wie Kim Jong Il. Abe nippt an einem Wasserglas und lächelt. Unentwegt flüstert ihm sein Übersetzer mit der hochstehenden Frisur ins Ohr. Abe nippt am Wasser und lächelt mal nach links, mal nach rechts, mal noch vorn. Es ist schon nach acht, da kommt endlich der jüngste Neuling im Klub: Nicolas Sarkozy.

          Ständig zeigte er sich heute am Mobiltelefon. Selbst auf dem Weg zum sogenannten Familienfoto am Vormittag, zu dem alle lässig über den Rasen schritten und sich für einige Schüsse der Weltpresse aufreihten, hatte er sein kleines Telefon am Ohr und schaute dabei keck die Kollegen an. Er reichte es an Putin weiter, als wolle er irgendwem beweisen, dass er nun wirklich hier mit den anderen über den Rasen läuft.

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