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Übermäßiger Antibiotika-Konsum : Mehr als 10.000 Todesfälle pro Jahr

Pseudomonas aeruginoa-Bakterien können zu schweren Infektionen führen. Häufiger Ansteckungsort sind Krankenhäuser. Bild: Picture-Alliance

Der inflationäre Einnahme von Antibiotika könnte zur Katastrophe führen. Auf Wunsch von Bundeskanzlerin Angela Merkel steht das Thema deswegen auf der Tagesordnung des G-7-Gipfels.

          Antibiotika sind ein Segen. Bevor der schottische Forscher Alexander Fleming 1928 die Wirkung des Penicillins gegen Bakterien entdeckte, sind Millionen Menschen an Krankheiten gestorben, gegen die es seitdem ein einfaches Mittel gibt. Hausärzte verschreiben Antibiotika gegen Bronchitis und Blasenentzündung, im Krankenhaus sind sie alltäglicher Teil der Vorsorge bei Operationen.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Inzwischen schlucken Menschen aber zu oft Antibiotika, oft ohne Not. Wer Produkte aus Massentierhaltung isst, nimmt sie außerdem über die Nahrung zu sich. Landwirte schütten Antibiotika ins Futter, um Schweine und Hühner zu kräftigen und zu mästen.

          Eine Folge des massenhaften Gebrauchs ist, dass Bakterien Widerstandskraft gegen die Wirkstoffe entwickeln. Inzwischen sterben Patienten indirekt an den Folgen des Antibiotikaeinsatzes - am Antibiotikamissbrauch. 400.000 bis 600.000 infizieren sich jedes Jahr in deutschen Kliniken mit sogenannten Krankenhauskeimen, 10.000 bis 15.000 sterben. Gesunde tragen diese Erreger oft auf der Haut, ohne es zu merken. In Kliniken, in denen Antibiotika alle anderen Erreger töten, haben diese Keime mangels Konkurrenz leichtes Spiel, können sich stark vermehren - und treffen auf extrem geschwächte Patienten, Alte, frisch Operierte, Frühgeborene. Für die sind sie sehr gefährlich.

          Es droht eine „Post-antibiotische Ära“

          Wenn es so weitergeht, werden bald auch Krankheiten wieder tödlich sein, die sich seit der Entdeckung des Penicillins problemlos behandeln ließen. Schon warnt die Weltgesundheitsorganisation vor einer „post-antibiotischen Ära“, Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe vor einem Rückfall ins Vor-Penicillin-Zeitalter. Horrorszenarien - aber keine Science-Fiction. Was daher dringend gebraucht wird, ist Vernunft. Die Bundesregierung weiß das schon lange. So richtig Fahrt nimmt ihre Antibiotika-Resistenz-Strategie aber erst auf, seit die deutsche G-7-Präsidentschaft naht. Merkel hat den Kampf gegen die Keime auf die Themenliste für die Gespräche auf Schloss Elmau gesetzt. Vor zwei Wochen haben drei Ministerien die Deutsche Antibiotika-Resistenz-Strategie DART neu aufgelegt, die es seit sieben Jahren gibt. Sie heißt jetzt „DART 2020“ und verfolgt einen „One-Health-Ansatz“. Das klingt schrecklich nach internationaler Lobbyistensprache, ist aber im Kern sehr sinnvoll: Tierhaltung und Tiermedizin sollen nicht unabhängig von der Humanmedizin betrachtet werden.

          Mensch und Tier leben in unserer Gesellschaft eng zusammen. Die deutsche Landwirtschaft findet nicht weit draußen statt, sondern ist mitten in Dörfern, sogar Städten lebendig. Und auch wenn 500 Bauern im Emsland zuletzt mit einer Massenspeichelprobe beweisen wollten, dass sie nicht mehr multiresistente Keime mit sich herumtragen als Normalbürger: Es ist unumstritten, dass die für Gesunde harmlosen Erreger nicht nur von Mensch zu Mensch und von Tier zu Tier hüpfen. Jeder Haustierbesitzer trägt die Keime seines Lieblings mit sich herum - und umgekehrt. Der Blick auf Mensch und Tier zusammen ist aber auch deshalb notwendig, weil Menschen Tiere und Tierprodukte essen, die zu einem großen Teil aus Massentierhaltung mit hohem Antibiotikaeinsatz stammen.

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