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Protest gegen die G 7 : Auf der Suche nach der Klimax

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Vorträge, Workshops und Kapitalismusschelte: „Gipfel der Alternativen“ in München Bild: dpa

Die Staats- und Regierungschefs treffen erst am Sonntag in Elmau ein, doch in München haben die Gegenveranstaltungen zum G-7-Gipfel bereits begonnen. Ein Augenschein vom „Gipfel der Alternativen“.

          Ein Begriff steht am Anfang der Proteste gegen den G-7-Gipfel, die am Mittwochabend mit einem Kongress in München begannen: „Protestchoreographie“. Er wurde von einer Fachorganisation für politische Kommunikation ins Spiel gebracht, der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der Stiftung der Linkspartei. Sie gehört zu den Organisatoren des Kongresses, deren Spektrum von kirchlichen Entwicklungsorganisationen über Attac bis zu Naturschutzverbänden reicht. „Protestchoreographie“ – das klingt nicht nur schöner als „Dauerkundgebungen“, „Großdemonstration“, „Sternmarsch nach Elmau“ und all die anderen Veranstaltungen im Terminkalender der Gegner in den nächsten Tagen. Protestchoreographie – da schwingt vieles mit, ohne dass es benannt werden muss. Zu einer gelungenen Choreographie gehört schließlich eine ordentliche Klimax, die den Betrachtern den Atem raubt.

          Die Staats- und Regierungschefs der G 7 (Vereinigte Staaten, Großbritannien, Frankreich, Italien, Japan, Kanada und Deutschland) werden allerdings erst am Sonntag auf Schloss Elmau erwartet. Protestchoreografisch gesehen also viel zu früh für eine Klimax, gerade richtig aber für einen verhaltenen Beginn im Kongresstakt mit Vorträgen und Workshops. Gerade richtig für einen Eröffnungsvortrag der indischen Ökonomin Jayati Ghosh, die in der Münchner Freiheizhalle, einer früheren Turbinenhalle eines Kraftwerks, einen Kapitalismus geißelte, der so ungezügelt sei wie schon lange nicht mehr. Ghosh, die in Cambridge promoviert wurde und an der Jawaharlal-Nehru-Universität in Delhi lehrt, hielt ein Plädoyer für eine stärkere staatliche Lenkung in einem hinreißenden Upper-Class-Englisch, das auch Monty Python begeistert hätte.

          Choreografisch war Ghosh als Eröffnungsrednerin die Idealbesetzung für den Kongress: Sie flankierte ihre Kapitalismusschelte immer wieder mit einem herzerfrischenden „I am delighted“ – nicht über die G 7, sondern über die Zuhörer, die ihr andächtig lauschten. Wer sich in die stickige, überfüllte Freiheizhalle – mehr als sechshundert Teilnehmer hatten sich angemeldet –  trotz eines herrlichen Frühsommerabends setzte, musste nicht mehr groß überzeugt werden, dass die „Zeit für eine friedliche und ökologische Welt“ gekommen sei, wie zu Beginn des Kongresses bei der Begrüßung der „lieben Mitstreiterinnen und Mitstreiter“ verkündet wurde. Die Bekehrung zu der Einsicht, dass Kapitalismus Anarchie bedeute, hatte schon stattgefunden, bevor Ghosh an das Mikrofon trat. Wer wollte, konnte sich noch an einer Phalanx an Infoständen, die vor der Freiheizhalle aufgebaut waren, vergewissern, auf der richtigen Seite zu stehen.

          Ein Konklave in Rom ist nicht der richtige Ort, um die Existenz des Heiligen Geistes in Frage zu stellen – und ein Kongress der G-7-Gegner ist nicht der richtige Ort, um an dem Glaubenssatz zu rütteln, dass die „vielfältigen globalen Krisen“ eine „Folge der herrschenden Politik“ seien. Zumal wenn der Papst der Globalisierungsgegner spricht: Nach Jayati Gosh kam am Mittwochabend Jean Ziegler zu Wort. Wer dem Schweizer Soziologen zuhörte, der einst bei den Vereinten Nationen Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung war, musste allerdings dialektisch geschult sein: „Wenn jemand in diesem Saal glaubt, dass da in Elmau souveräne und unabhängige Regierungschefs und Staatschefs zusammenkommen, dann irrt er sich, die Macht ist nicht in Elmau, sondern in Konzernetagen“, lautete der Kernsatz Zieglers.

          Ketzer hätten diese Worte leicht missverstehen können: Warum gegen die G 7 demonstrieren, wenn sie ohnehin nichts zu bestimmen haben? Warum gegen die „Ausführungsgehilfen“ aufbegehren, wie Ziegler die Staats- und Regierungschefs etikettierte? Doch eine choreographischer Antiklimax war nicht zu befürchten – und ist auch nicht bei der Demonstration zu erwarten, die sich an diesem Donnerstagnachmittag durch die Münchner Innenstadt bewegen soll. Eine Klimax aber auch nicht – „familienfreundlich“ werde die Kundgebung durch die Innenstadt ausfallen, haben die Organisatoren versprochen, zu denen die Grünen und die Linkspartei gehören. Die Protestchoreografie muss schließlich den Bogen bis zum Montag spannen, dem Abschlusstag des G-7-Treffens.

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