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G-7-Gipfel in Elmau : „Ohne Putin geht es doch nicht“

  • -Aktualisiert am

Erst war alles friedlich, dann knirschte es im Gebälk. Unter den Rauchbomben haben aber augenscheinlich Polizisten und Demonstranten zu leiden. Bild: dpa

Beim Protest der Gipfelgegner in Garmisch bleibt es lange ruhig, bis es doch noch zu Rangeleien kommt. Dann beendet das Wetter vorerst die Demonstration – doch die Wut vieler Gegner bleibt. Wobei das Weltbild bei so manchem skurrile Blüten treibt.

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          Hätte ein Hollywood-Regisseur einen Film über die Gipfelproteste gemacht, er hätte ihn nicht dramatischer inszenieren können: Pünktlich zur Abschlussgebung bricht ein heftiges Gewitter über Garmisch herein. Es hat sich den ganzen Nachmittag über aufgestaut, bis die Spannung am Ende fast unerträglich war. Ähnlich war es bei der Demonstration: Sie begann fast kuschelig, aber irgendwie lag es in der Luft, dass noch etwas geschehen würde.

          Oliver Georgi
          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten und Politik Online.

          Nach einem friedlichen Start am Morgen war es dann doch noch zu Rangeleien zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen, wenn auch nicht zu schweren. Vorläufige Bilanz: Tränengas, Einsatz von Schlagstöcken, vereinzelte Rauchbomben, mehrere Verletzte, darunter auch ein Polizist. „Ich bin ziemlich fertig“, gesteht denn auch einer der Organisatoren der Demo, als er nach dem stundenlangen Marsch durch die Stadt endlich auf der Bühne angekommen ist, die vor dem Bahnhof aufgebaut wurde.

          Dann kommt die Warnung: Das Wetter wird zu schlecht, riesige Hagelkörner werden erwartet, das Camp der Gipfelgegner an der Loisach muss evakuiert werden. Binnen Minuten leert sich der Platz, die verbliebenen paar hundert Demonstranten suchen Schutz in einer nahen Unterführung – die geplante große Abschlusskundgebung fällt buchstäblich ins Wasser.

          Ein kleiner Funke reicht

          Viele Gipfel-Gegner suchen Schutz in Unterführungen und in der Garmischer Bahnhofshalle. Die Campleitung erwägt, das Zeltlager am Ortsrand aus Sicherheitsgründen zu räumen. Gegen 20.30 bessert sich das Wetter. Die Organisatoren geben bekannt, dass das Camp bleibt, wollen sich aber auch um Schlafplätze für all jene kümmern, die die Nacht lieber im Trockenen verbringen möchten. Für den Abend mag ihnen das Wetter vorerst einen Strich durch die Rechnung gemacht haben – aufgeben wollen sie deshalb aber noch lange nicht. „Wir werden heute Abend besprechen, wie wir weiter vorgehen“, sagt der Sprecher des Aktionsbündnis, Benjamin Ruß, am Nachmittag gegenüber FAZ.NET, kurz nachdem es zu den Rangeleien kommt.

          Für die Demonstranten stehen die Schuldigen an der Eskalation fest: die Polizeibeamten. „Wir haben eine  Theateraufführung gemacht, als die Polizisten plötzlich Schlagstöcke und Tränengas gegen uns eingesetzt haben“, sagt Ruß. „Wir haben die Situation nicht zur Eskalation gebracht.“ Die Polizei hingegen berichtet, der Schwarze Block habe versucht, eine Polizeikette zu durchbrechen und die Beamten dabei bewusst provoziert. Polizisten seien mit Flaschen und Feuerlöschern angegriffen worden, Demonstranten hätten zwei Rauchkerzen gezündet, sagte Polizeisprecher Hans-Peter Kammerer. Augenzeugen berichten, die Eskalation sei von den Demonstranten ausgegangen.

          Es sind zwei Wahrheiten, die sich in Garmisch trotz aller anfänglicher Harmonie unversöhnlich gegenüberstehen. Und mit Spannung wird jetzt erwartet, was der Sonntag bringt. Für den haben die Gipfelgegner ihren Sternmarsch in Richtung Schloss Elmau angekündigt. Genehmigt ist der Marsch nicht. Zunächst hatten die Behörden den Demonstranten angeboten, eine Delegation von 50 Protestlern in die Sicherheitszone zu lassen – damit sie „in Hörweite“ des Schlosses demonstrieren können. Doch der Bayerische
          Verwaltungsgerichtshof hob am Samstagabend die Genehmigung hierfür wieder auf. Aber ohnehin hätten sich die Gipfelgegner hiermit wohl nicht zufrieden gegeben. Am Nachmittag hat sich gezeigt, dass ein kleiner Funke reicht, um die friedliche Stimmung schnell hochkochen zu lassen.

          Verbitterung unter den Demonstranten

          Dabei ist es fast schon ironisch, dass besonders ein Mann die Gemüter erhitzt, der gar nicht zum Gipfel kommt. Denn wer sich in Garmisch auf der Straße nach dem Hauptgrund für die Proteste umhörte, vernahm vor allem einen Namen: Wladimir Putin. Kaum einer ist unter den Demonstranten, der nicht zutiefst verbittert darüber ist, dass der russische Präsident wegen der Annexion der Krim von den G-8-Gipfeln ausgeladen wurde. Dass Putin nach allgemeinem Verständnis das Völkerrecht brach, als er die Krim annektierte, dass er eine zumindest undurchschaubare Rolle im Kampf der prorussischen Separatisten in der Ostukraine spielt, darüber wollen die meisten Gipfelgegner nicht reden. „Putin muss mit an den Tisch, ohne ihn können die Probleme der Zeit doch nicht gelöst werden“, sagt Michaela, eine Studentin aus Marburg, die ihren richtigen Namen lieber nicht in den Medien lesen will. „Der ganze Hunger, der Kampf gegen den Terror.“

          „Ganz egal, wie man zu Putin steht: Man hätte sich anhören sollen, was er zu sagen hat“, findet auch ein älterer Mann von der „Friedens-Fahrradtour“, der mit seinen Mitstreitern von München aus zur Demonstration gefahren ist und jetzt seine rechte Mühe hat, sich im Gewitter seinen Weg zu bahnen. „Man sollte mit Russland über die Ukraine reden. Nicht über ihn.“ Es ist ein klares Weltbild, das an diesem Wochenende im Camp und auf den Straßen Garmischs zirkuliert: hier die westlichen Industriestaaten, die mit „unerträglicher Arroganz“ über die Welt bestimmen und deren Ausbeutung bewusst in Kauf nehmen, dort der unterdrückte Rest.

          Eine Weltsicht, die bei manchem durchaus skurrile Blüten treibt, etwa wenn es um die Terrormiliz „Islamischer Staat“ geht, die in Syrien und im Irak mordet. „Warum fragt nicht mal jemand, warum der IS so handelt?, fragt Marion, eine junge Studentin, die zwar erst 20 Jahre alt ist, ihr Weltbild aber schon schon unverrückbar im Kopf hat. „Man muss doch mit denen reden, anstatt sie einfach pauschal zu verurteilen.“ Überhaupt, von oben herab: Dass die Kanzlerin nach „Gutsherrenart“ bestimmt habe, wo der Gipfel stattfindet – in einem Naturschutzgebiet –,  sei „Wahnsinn“, befindet ein junger Mann, als der Demonstrationszug am Nachmittag mitten in der Stadt ins Stocken gerät. „Dieser ganze Aufwand zu diesen immensen Kosten, das macht doch überhaupt keinen Sinn.“ Dann hat eine Frau neben ihm die Lösung:  „Warum machen die ihren Gipfel nicht einfach auf einem Flugzeugträger? Da hätten die ihre Ruhe – und wir auch.“

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