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Obama in Krün : Welcome dahoam

„Upper Bavarian civilisation“: Bevor der Gipfel begann hat Präsident Barack Obama mit den Bewohnern des bayerischen Dörfchens Krün gefrühstückt. Bild: Helmut Fricke

Mit Dirndl, Gamsbart und Alphörnern: Dem amerikanischen Präsidenten wird zum G-7-Gipfel die bayerische Folklore-Show geboten. Die Bilder sollen Geschlossenheit zwischen Obama und Merkel zeigen.

          6 Min.

          Der Kramer-Alois ist an diesem Sonntag Alexander Dobrindts bester Freund. Der Landwirt aus Krün gehört zu jenen auserwählten Bürgern des Gipfelortes, die Barack Obama auf dem Rathausplatz ganz nah kommen dürfen. Sogar näher, als der Kramer-Alois gedacht hätte.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Der Ortsobmann der CSU schüttelt dem amerikanischen Präsidenten die Hand, wie so viele Trachtler, Gebirgsschützen und Alphornbläser an diesem Morgen. Und plötzlich – so recht weiß er nicht, wie er zu der Ehre kommt – sitzt er neben ihm auf der Bierbank: vis-à-vis der Kanzlerin und ihres Gatten, für eine Viertelstunde.

          Wer nun gedacht hätte, der Kramer-Alois gehöre einfach zur oberbayerischen Staffage auf dem Rathausplatz zwischen Wetterstein- und Karwendelgebirge mit Dirndln, Lederhosen und Gamsbärten, der täuscht sich gewaltig. Bei alkoholfreiem Weißbier, Leberkäs und Brez’n – Obama schmeckt es sichtlich – tauschen die beiden sich aus über die Probleme der Wirtschaft im ländlichen Raum, über die unterschiedlichen Trachtenarten und auch über die heimischen Speisen und die Besonderheiten, die mit ihrem Verzehr verbunden sind.

          Ein Dankeschön auf die Schulter

          Man ahnt es schon, hier waren sehr gute Englischkenntnisse gefragt. Als Obama sich etwa nach der weißen Bluse mit den filigranen Stickereien einer ihm schräg gegenübersitzenden Dame erkundigt, erläutert ihm der Kramer-Alois in fließendem Englisch, dass dies eine besondere Tracht sei, die Kirchentracht nämlich, die nur verheiratete Frauen tragen dürften – und dies auch nicht alle Tage, sondern sonst nur an Erntedank und an, ja, ähm, wie heißt denn nur „Fronleichnam“ auf Englisch? Der Präsident ruft die deutsche Übersetzerin herbei, die sogleich pariert und als Dankeschön ein Schulterklopfen erhält: „Corpus Christi“.

          Nicht überliefert ist, ob dem Gast aus Amerika auch das Zuzeln erklärt wurde, denn das kunstfertige Aussaugen des Wurstdarms wird Obama an diesem Vormittag nicht vorgeführt. Das hat nichts damit zu tun, dass bei Auslandsreisen das „internationale Küchenregime“ herrscht, das dafür Sorge trägt, dass westliche Staatsgäste in fernen Ländern keine Schafshoden und ähnliche Delikatessen kosten müssen.

          Der Grund ist schlicht, dass Preußen nicht zuzeln können. Joachim Sauer, der Gatte der Kanzlerin, hat sich als einziger für Weißwürste entschieden – und benutzt doch tatsächlich Messer und Gabel! Was wissen die in Berlin schon von den rechtschaffenen Menschen von Krün, ihren Gebräuchen und ihren Problemen?

          Upper Bavarian civilisation

          Der Kramer-Alois hat während seines Studiums der Agrarökonomie eine Zeitlang auf einer Milchvieh-Farm in Vermont gearbeitet. Und genau deshalb hat er Alexander Dobrindt, der an diesem Tag Geburtstag feiert, das schönste Geschenk gemacht – einfach dadurch, dass er so ist, wie er ist. Er wisse ja, sagt der Kramer-Alois vor der Begegnung mit Obama mit Blick auf die Demonstranten, dass nicht alle für den Gipfel seien.

          Doch sei es auch nicht so, dass die hier versammelten Honoratioren alles ganz unkritisch sähen. Zum Beispiel TTIP, das Handelsabkommen: „Wir sind doch die Vertreter der Regionen, wir wollen auch nicht, dass alles Individuelle im globalen Handel aufgeht.“ Der Bundesverkehrsminister und Direktkandidat des örtlichen Wahlkreises wird später stolz verkünden, die Leute hier wüssten eben genau Bescheid über die Welt.

          So verkörpert der Kramer-Alois das, was Angela Merkel zuvor in ihrem Lob auf bayerische Kultur, die „Upper Bavarian civilisation“, meinte, als sie davon sprach, Tradition und Moderne seien hier eng miteinander verbunden. Der ganze Ort ist auf den Beinen und ganz angetan davon, dass der amerikanische Präsident auf seinem Weg nach Elmau hier Halt gemacht hat. Jedenfalls diejenigen, die auf den abgesperrten Platz kommen durften.

          Wiedergutmachung mit Obama

          Wen die Kunde nicht erreicht hatte, dass man dazu bis neun Uhr morgens in den gesicherten Bereich kommen musste, der wurde nämlich nicht auf den Platz gelassen. Obama nimmt darauf gewissermaßen Bezug, als er den Krünern für ihre Gastfreundschaft dankt und anfügt, er wisse, es sei stets eine Menge Arbeit für die Einheimischen, wenn er irgendwo hinkomme.

          Die Bundesregierung und die Staatsregierung haben sich aber bemüht, die Bürger der Region einzubinden. Steffen Seibert, der Regierungssprecher, der ebenso wie Dobrindt Geburtstag hat, besuchte zur Vorbereitung des Gipfels zwei Bürgerversammlungen in Krün und eine in Garmisch. Das „Event“ auf dem Rathausplatz ist durchaus auch als ein Dankeschön an die Bürger zu verstehen – dafür, dass sie nicht ganz unbelastet vom Gipfel geblieben sind.

          Tage wie im Krieg

          Nein, das kann man wahrlich nicht sagen. Die Region befindet sich im Belagerungszustand: ausländische Delegationen, Sicherheitspersonal, Medienvertreter und Demonstranten – Zig Tausende Eindringlinge befinden sich an den Orten des Großereignisses. Wohl dem, der sich mit dem Hubschrauber von Ort zu Ort bewegen kann. Dieses Privileg haben nicht nur die Staatsgäste, sondern überraschenderweise auch die Journalisten.

          Eure Welt sind die Gipfel: Die Staats-und Regierungschefs posieren für das sogenannte Familienfoto.

          Da Demonstranten am frühen Morgen die Route von Garmisch, dem Ort, an dem für die Presseleute in der Eishalle ein Medienzentrum aufgebaut worden ist, nach Krün blockiert haben, müssen sie kurzerhand zum „Event“ geflogen werden. Das Ganze erinnert ein wenig an die Tage, an denen Journalisten für die Berichterstattung über die Kriege in Afghanistan und im Irak „embedded“ wurden, also quasi Teil der Truppe waren.

          So wünscht es sich wohl auch Thomas Schwarzenberger, der Bürgermeister von Krün, der die Journalisten vor dem Eintreffen Obamas und Merkels freundlich begrüßt und bemerkt, er würde sich über eine positive Berichterstattung freuen.

          Alles was ein Bayer hören will

          Man muss das verstehen. Es ist das erste Mal in der Geschichte des 1800-Seelen-Ortes, dass an den Fahnenmasten eine ausländische Flagge vor dem Rathaus weht. Nun hängen hier die „Stars and Stripes“ neben Schwarz-Rot-Gold vor dem bemalten Rathaus: ein Townhall-Meeting der besonderen Art, ein Bilderbuchmotiv für die amerikanischen Abendnachrichten

          Obama enttäuscht die Krüner nicht. Alle Schlüsselwörter, die man von einem amerikanischen Präsidenten in Bayern erwartet, fallen an diesem Vormittag: „Grüß Gott“, sagt er und dass er vergessen habe, seine Lederhose mitzubringen; dass er einerseits gehofft habe, seine Freundin Angela würde den Gipfel in den Herbst verlegen, weil er eigentlich auf ein Oktoberfest gesetzt habe; dass es aber andererseits immer einen Anlass gebe für Bier und Weißwurst. Und dass er nie schönere Alphornbläser gehört habe.

          Dann wird der Gast aus Amerika politisch, jedenfalls so politisch, wie man in diesem malerischen Kontext werden kann: Er blicke in Dankbarkeit auf die gemeinsame deutsch-amerikanische Geschichte, sagt er in Bezug auf die deutsche Einwanderung nach Deutschland. So viel von Amerika – auch in seiner politischen Heimat Chicago – wäre nicht dasselbe ohne die Beiträge der Deutschen.

          Chicago und Krün – untrennbar

          Umgekehrt hätten unzählige amerikanische Soldaten und Studenten in Bayern eine große Gastfreundschaft erfahren. Deutschland und Amerika stünden zusammen als „untrennbare Bündnispartner in Europa und rund um die Welt“.

          Sodann umreißt Obama die Herausforderungen, denen sich die Staats- und Regierungschefs auf Schloss Elmau stellen wollen: die Lage der Weltwirtschaft, die „Aufrechterhaltung“ einer starken und wohlhabenden Europäischen Union, den Aufbau einer neuen Handelspartnerschaft über den Atlantik, die russische Aggression in der Ukraine, die Bekämpfung des gewalttätigen Extremismus und schließlich Fragen der Klimapolitik. Er sei „sehr dankbar für die Partnerschaft und die Führungsstärke eurer Bundeskanzlerin“, sagt er und erntet den Applaus der Krüner.

          Merkel hatte zuvor ihrerseits die Vereinigten Staaten trotz mancher Meinungsverschiedenheiten einen „so wesentlichen Partner“ genannt, dass „wir eng kooperieren, weil wir es im gegenseitigen Interesse brauchen, weil wir es wollen und weil wir gemeinsame Werte teilen“.

          Die Sache mit dem Jackett

          Deutlicher wollte die Kanzlerin nicht werden, deutlicher musste sie auch nicht werden. Vor zwei Jahren hatte Obama vor dem Brandenburger Tor gesprochen, hatte in der brüllenden Mittagshitze sein Jackett ausgezogen und angefügt, unter Freunden könne es ja ein wenig informeller zugehen. Da waren die Enthüllungen Edward Snowdens noch recht frisch und der Höhepunkt der sogenannten NSA-Affäre längst noch nicht erreicht.

          Der kam erst im Herbst, wenige Wochen nach der Bundestagswahl, als bekanntwurde, dass auch das Mobiltelefon der Kanzlerin abgehört worden war, was diese wiederum zu der Bemerkung verleitete: Abhören unter Freunden, das gehe gar nicht.

          Auch am Sonntag in Krün legt Obama wieder das Jackett ab, wieder ist viel von Freundschaft und Partnerschaft die Rede. Doch zwei Dinge sind neu: Obama lobt Merkels Führungsstärke, was sich nicht nur auf die Euro- und insbesondere die Griechenland-Krise bezieht, sondern auch auf den Russland-Ukraine-Konflikt.

          Let's talk about the wirklichen Probleme

          Und Merkel spricht von Kooperation, welche Deutschland brauche und wolle – das bezieht sich auch auf die Zusammenarbeit der Nachrichtendienste. Und sie erwähnt die gemeinsamen Werte, womit sie den Blick auf denjenigen lenkt, der an diesem Tag auf Schloss Elmau fehlen wird: Wladimir Putin.

          Die Botschaft der beiden ist eindeutig: Seit dem letzten Besuch des Präsidenten in Deutschland hat sich die Welt verändert. Es mag Meinungsverschiedenheiten im transatlantischen Verhältnis geben. Die wirklichen Probleme aber sind andere.

          Die wirklichen Probleme sind sodann Thema eines bilaterales Treffens auf Schloss Elmau kurz vor Gipfelbeginn: der Konflikt in der Ostukraine, der derzeit wieder militärisch eskaliert, die Beziehungen zu Russland, Fragen des Nato-Bündnisses sowie natürlich TTIP. Man darf davon ausgehen, dass Obama, der in Krün von der Aufrechterhaltung einer starken EU gesprochen hat, sich nun auch über den Fall Griechenland ins Bild setzen lässt.

          Gleicher als die Gleichen

          Und man darf ebenfalls davon ausgehen, dass die Frage, wie die Bundesregierung die parlamentarischen Kontrolleure über die Kooperation zwischen NSA und BND informiert, eine ist, die nicht auf der höchsten Regierungsebene ausverhandelt wird.

          Der Tag eins in Elmau zeigt auch: Unter den G7 sind manche gleicher als die anderen. Nach der bilateralen Unterredung mit Obama begibt sich die Kanzlerin mit ihrem Gatten vor den Eingang des Schlosses, wo sie ihre Gäste, die auf Golfcarts herangefahren werden, empfängt.

          Der Kramer-Alois erzählt nach der Abreise Obamas und Merkels den Journalisten und seinen Bekannten von der Begegnung mit dem amerikanischen Präsidenten, ganz locker und ohne zu prahlen. Dann sagt er, nun sei es Zeit für eine echte Brotzeit und ein echtes Weißbier – mit Alkohol. Der Gipfel kann beginnen.

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