https://www.faz.net/-gpf-847da

Beleidigende Kommentare : Russische Trolle gegen Angela Merkel

Zu diesem Bild vom G-7-Gipfelort Schloss Elmau schreibt „i_kursant“ in kyrillischer Schrift in etwa: „Merkel, ich habe die Schnauze voll davon, dass du die russischen Kommentare löschst! Kannst Du die Wahrheit nicht vertragen?“ Bild: screenshot

Die Bundeskanzlerin hat einen Großangriff aus Russland erlebt. Im Internet. Ihre Leute im Bundespresseamt sind damit überfordert. Die Russen kennen zu viele Tricks.

          Seit vier Tagen gibt es Angela Merkel auf „Instagram“, dem Foto- und Videodienst im Internet, der von Facebook betrieben wird. Auf ihrem Profil sind Fotos der Bundeskanzlerin zu sehen, von ihren Reisen und Treffen mit Staatsführern, Aufnahmen aus Minsk oder Peking, bis hin zum Bild von der scheinbar trauten Runde mit Soldaten einer deutschen Raketenabwehreinheit in der Südtürkei.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Es sind schöne Fotos, in Farbe und Schwarzweiß, aufgenommen von Regierungsfotografen, garniert mit eher trockenen Agenturtexten. Nach vier Tagen hat die Kanzlerin immerhin 38.000 „Follower“, wie die Abonnenten solcher Dienste heißen, nicht schlecht für eine Politikerin, die keine Starauftritte pflegt.

          Dennoch herrschte in den vergangenen Tagen helle Aufregung bei den Leuten im Bundespresseamt, die Merkels Instagram-Kanal betreuen. Denn zu jedem Bild können Kommentare abgegeben werden – und die kamen reichlich und wie auf Befehl, und zwar fast ausschließlich auf Russisch. „Zum Start des Kanals gab es innerhalb weniger Stunden einige hundert Kommentare in kyrillischer Schrift“, sagt eine Regierungssprecherin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Heillose Überforderung

          Merkels Social-Media-Team, dessen Mitarbeiterzahl nicht bekanntgegeben wird, war heillos überfordert. So viel lässt sich sagen: Nur wenige Beschäftigte sind des Russischen mächtig, die anderen behalfen sich mit einem Übersetzungsdienst im Internet. Die Ergebnisse der Übersetzungen waren nicht schön.

          Die meisten Kommentare waren Hasstiraden gegen die „ukrainischen Faschisten“. Die Kinder des Donbass gelte es vor dem Faschismus zu retten, hieß es unter anderem. Besonders erregten sich die russischen Kommentatoren über ein Bild von Merkel mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. „Zwei Freunde haben sich gefunden. Eine alte Kommunistin und ein neuer Faschist“, kommentiert der Nutzer „drdrccp45“.

          „Deutschland hat nichts gelernt und treibt es immer noch mit den Faschisten“, schreibt „gambit-Inr“, der sich selbst „Teilnehmer einer terroristischen Organisation in Neurussland“ nennt. Daneben gibt es zahlreiche grobe Beleidigungen der Kanzlerin und Poroschenkos, die hier nicht aufgeführt werden sollen, ebenso wie überschwengliche Lobpreisungen Russlands und seines Präsidenten.

          Regierung löscht Beiträge in kyrillischer Schrift

          Kaum gestartet, war Merkels neuer Internetauftritt zu einer Plattform der Russland-Propaganda geworden. Deutsche Nutzer fragten sich: „Warum sind alle Kommentare in kyrillischen Zeichen?“ Das Bundespresseamt änderte schließlich notgedrungen die Taktik. Man verzichtete darauf, die russischen Einträge auf ihren Inhalt zu prüfen, sondern erklärte Kommentare in kyrillischer Schrift grundsätzlich für unzulässig.

          Die offizielle Erklärung klingt so: „Das Social-Media-Angebot der Bundesregierung ist generell deutschsprachig. Im Interesse der Lesbarkeit werden deshalb Kommentare in anderen Sprachen – abgesehen von englischsprachigen Beiträgen – gelöscht.“ Die Kommentare in kyrillischer Schrift „wurden deshalb nach und nach entfernt“, so eine Regierungssprecherin.

          Instagram ist in Russland zwar sehr beliebt, weit mehr als in Deutschland. Aber der Sturm auf Merkels Foto-Kanal war kaum ein Zufall. Allein das Entern der Seite durch Hunderte russische Nutzer binnen weniger Stunden spricht dafür, dass sogenannte Internet-Trolle organisiert vorgegangen sind. Die machen es sich zur Aufgabe, Seiten im Internet anonym mit Kommentaren zu überfluten. Geht man auf die Instagram-Konten vieler russischer Kommentatoren, so findet man dort nichts als einen Benutzernamen. Das sind „Troll-Accounts“, die nur angelegt werden, um damit unerkannt Hässliches absondern zu können.

          Eine Troll-Armee aus Russland

          Viele dieser russischen Trolle sind nun einfach dazu übergegangen, auf Merkels Seite Englisch oder Deutsch statt Russisch zu verwenden. Ihre Kommentare werden so weniger schnell gelöscht, auch wenn sie Beleidigungen und Hetze enthalten. Manche nutzen Tricks, posten etwa „Angela – 88“, die Codezahl für „HH“, gemeint ist Heil Hitler. Ein Troll ergeht sich in ironischen Liebeserklärungen an die Kanzlerin, sein russischer Nutzername ist aber schon eine grobe Beleidigung Merkels.

          Trotz der neuen Regeln werden immer wieder Beschimpfungen auf Russisch gepostet, die oft erst nach Stunden gelöscht werden. Es gäbe Vorfilter, um solche Kommentare auszulesen, bevor sie auf der Seite erscheinen. Aber so etwas hat das Social-Media-Team der Kanzlerin nicht.

          Dabei hätte man vorgewarnt sein können: Russische Zeitungen wie die „Nowaja Gaseta“ hatten schon vor zwei Jahren davon berichtet, dass in Sankt Petersburg vierhundert meist junge Russen mit entsprechenden Fremdsprachenkenntnissen damit beschäftigt sind, russische und ausländische Nachrichtenportale im Sinne der russischen Regierung zu manipulieren. Deutsche Medien, auch die Frankfurter Allgemeine, haben auf ihren Internetseiten entsprechende Erfahrungen mit der russischen Troll-Armee gemacht.

          Keine Informationen über Herkunft

          Kürzlich hat die junge Russin Ljudmila Sawtschuk öffentlich gemacht, wie sie als „Troll“ in Nachrichtenportalen, Chat-Rooms und Blogs Putins Politik loben „und seine Gegner niedermachen“ sollte – hundert Kommentare am Tag schrieb sie. Dafür gab es ein für Russland ansehnliches Salär von 640 bis 800 Euro im Monat.

          Die Troll-Attacken auf das Profil der Bundeskanzlerin sind nun schwächer geworden. Darüber ist man im Presseamt froh. Dennoch wird „das Social-Media-Team die Kommentare weiter prüfen und bei Bedarf handeln“, heißt es. Über die Herkunft der Kommentatoren liegen allerdings „keine Erkenntnisse vor“.

          Weitere Themen

          Die EU in Zahlen Video-Seite öffnen

          Videografik : Die EU in Zahlen

          Die Europäische Union mit ihren 28 Staaten und 512 Millionen dort lebenden Menschen ist einer der bedeutendsten Wirtschaftsräume der Welt. Die wichtigsten Zahlen zur EU erläutert unsere Videografik.

          Regierungspartei liegt deutlich vorne Video-Seite öffnen

          Parlamentswahl in Indien : Regierungspartei liegt deutlich vorne

          Die Partei des indischen Premierministers Narendra Modi liegt nach den Parlamentswahlen Prognosen zufolge klar in Führung. Zwei Stunden nach Beginn der Auszählung führte die hindu-nationalistische Bharatiya Janata Party (BJP) in 277 von mehr als 540 Wahlkreisen deutlich. Die Wahlen in der größten Demokratie der Welt hatten sich über mehrere Wochen erstreckt.

          Topmeldungen

          In der Welt der Laser: Trumpf liefert eine Schlüsseltechnologie für die Chip-Herstellung durch ASML.

          An den Grenzen der Physik : Trumpf und Zeiss bauen am Superchip

          Das große Geschäft der Mikrochips boomt. Jetzt stoßen die schwäbischen Unternehmen mit dem niederländischen Spezialmaschinenbauer ASML an die Grenzen der Physik vor. Geht es noch schneller, größer und kleiner?

          Ibiza-Video : Anwalt soll Drahtzieher der Strache-Falle sein

          Ein selbst ernannter Spionage-Fachmann behauptet im österreichischen Fernsehen, er wisse, wer die Hintermänner des „Ibiza-Videos“ sind. Er habe auf dem Video einen ehemaligen Geschäftspartner aus München erkannt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.