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G-7-Gipfel : Vierzig Meter Protest

Bild: Helmut Fricke

Während Barack Obama bayerische Folklore bewundern darf, warten im Örtchen Klais die G-7-Gegner auf ihren Versammlungsleiter. Einige versuchen, Straßen und Schienen zu blockieren. Doch die Polizei ist auch schon da.

          3 Min.

          Vierzig Meter – an ihnen zeigt sich an diesem sonnigen Sonntag die ganze Absurdität, die so ein G-7-Gipfel haben kann. Nur ein vierzig Meter langes Stück der Straße nach Elmau hat das Verwaltungsgericht den Gipfelgegnern nach langem Hin und Her im idyllischen Örtchen Klais bei Garmisch genehmigt, und deshalb herrscht hier schon morgens um kurz vor acht der Ausnahmezustand. Der Ort ist abgeriegelt, Sprengstoff-Suchhunde durchkämmen die Wiesen. Dutzende Polizisten stehen schwer bewaffnet vor dem Bahnhof herum, an dem das kleine Straßenstück beginnt, neben ihnen langweilen sich fast ebenso viele Journalisten.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Und alle warten auf den „Sternmarsch“ Richtung Elmau, mit dem die Gipfelgegner, die es nach dem Wolkenbruch am Samstagabend ziemlich versprengt und demoralisiert hat, vielleicht zeigen wollen, dass sie sich nicht klein kriegen lassen, auch durch läppische vierzig Meter nicht. Doch von Demonstranten keine Spur, erst recht nicht von denen, die mit Fahrrädern aus Garmisch hoch nach Klais kommen wollen. Also gehen die Journalisten das kurze Straßenstück bis zur Absperrung ab, vor und zurück, es dauert ziemlich genau 30 Sekunden, bei Schlendertempo und Sitzblockaden nicht eingerechnet.

          Als nach einer Weile doch noch eine Demonstrantin eintrifft, die aus dem Nachbarort Wallgau mit dem Rad hergefahren ist, wird sie regelrecht gefeiert. Franziska ist 33, hat rote Haare und großflächige Tattoos auf beiden Armen, sie will Standhaftigkeit zeigen gegen diesen „lächerlichen Gipfel“. Sich kleinkriegen lassen? „Kommt nicht infrage, notfalls laufe ich die 40 Meter alleine.“

          Polizisten führen eine Demonstrantin ab, die an einer Sitzblockade beteiligt war.

          Lange sieht es danach auch aus, um kurz nach acht ist sie immer noch allein. Dann trifft doch noch ein Grüppchen ein,  fünf mittelalte Herrschaften, einer davon mit Rauschebart und Wanderhut; sie werden von gut einem Dutzend Polizisten zu dem Straßenstück geführt. Auch die Polizisten sind offenkundig froh, endlich etwas zu tun zu haben. Trotzdem kann der lange Marsch immer noch nicht beginnen: der Versammlungsleiter fehlt. Und ohne den ist die Versammlung eben keine Versammlung. Währenddessen donnern immer wieder schwere Hubschrauber durch die Luft, sie bringen Journalisten und die ersten Staatsgäste hinüber zum Schloss Elmau, das nur noch wenige Kilometer Luftlinie von hier entfernt liegt.

          Hunderte Polizisten säumen die Mautstraße, die aus Garmisch hier hoch führt – Hochsicherheitszone.

          Nur der Protest passt kaum zu diesem Aufwand - nicht erst seit dem Wolkenbruch am Samstagabend ist er merklich erlahmt. Lange war am Abend unklar, ob die Gipfelgegner für die Nacht in das Camp an der Loisach würden zurückkehren können – und ob der für Sonntag geplante große Sternmarsch auf das Schloss überhaupt starten würde. Kurz zuvor hatte der Bayerische Verwaltungsgerichtshof das Demonstrationsverbot in Hör- und Sichtweite von Schloss Elmau bestätigt. Außerdem kippte der Gerichtshof das Angebot des Verwaltungsgerichts München, eine Delegation von 50 Gipfelgegnern nahe des Schlosses zuzulassen. Erst spät am Abend entschieden die verbliebenen, teils völlig durchnässten Demonstranten im Camp, ihren Protest am Sonntag fortzusetzen.

          „I forgot to bring my Lederhosen“: Barack Obama und Angela Merkel in Krün.

          Aber es sind kaum noch mehr als ein paar hundert Demonstranten, die sich am Morgen von Garmisch auf den Weg in Richtung Schloss machen und am Mittag den Sicherheitszaun erreichen. Sie skandieren Parolen, vorerst bleibt es am Zaun aber friedlich. Auf der Mautstraße nach Krün und Elmau kommt es zu kleineren Sitzblockaden, mehrere Demonstranten werden festgenommen. In Oberau versuchen rund 60 Gipfelgegner, die Bahnstrecke zu blockieren, was die Polizei nach kurzer Zeit aber verhindern kann. Auch in Garmisch gehen am Morgen wieder Gipfelgegner auf die Straße, aber es sind nur noch ein paar hundert und es bleibt friedlich. Erst bei einer weiteren Demonstration, die am Mittag beginnt und vom Camp in die Innenstadt ziehen will, ist die Stimmung aggressiver.

          Auf der Bundesstraße, nur wenige hundert Meter von den wartenden Demonstranten in Klais entfernt, rast plötzlich eine schier endlose Wagenkolonne vorbei: Kanzlerin Merkel und der amerikanische Präsident Obama. Sie haben im Nachbarort Krün eine kurze Brotzeit genossen, ein Fototermin wie aus einer Imagebroschüre mit viel bayerischer Folklore und noch mehr Alphörnern. „I forgot to bring my Lederhosen“, ruft Obama den ausgewählten Journalisten und Dorfbewohnern zu, und ehe die sich noch darüber Gedanken machen können, ob das wirklich ein schöner Anblick gewesen wäre, steigen Merkel und er wieder in ihre Limousinen und eilen zurück zum Schloss, wo am frühen Nachmittag der Gipfel beginnt.

          Die paar versprengten Demonstranten vor dem Bahnhof in Klais bekommen von alldem nichts mit. Irgendwann später trudelt noch der Versammlungsleiter mit ein paar Dutzend weiteren Gipfelgegnern ein. Ihr langer Marsch Richtung Elmau aber endet an der Absperrung - nach vierzig Metern.

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