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Wahlen in Peru : Die ungesühnten Verbrechen des Diktators

Selbsternannte Anwältin der Armen: Präsidentschaftskandidatin Fujimori beim Wahlkampf in Huacho. Bild: Reuters

In Peru geht Keiko Fujimoris als Favoritin in die Stichwahl um das Präsidentenamt. Ihre Kritiker fürchten eine Rückkehr zum Autoritarismus, denn an die Verbrechen ihres Vaters erinnert sich das Volk nur zu gut.

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          Es waren wieder Zehntausende, die am Dienstagabend im Herzen Limas zum Protestmarsch gegen die Präsidentschaftskandidatin Keiko Fujimori zusammenkamen. Schon vor dem ersten Wahlgang vom 10. April hatte es in Lima eine Großdemonstration gegen die 41 Jahre alte Kandidatin der konservativen Partei „Fuerza Popular“ (Volkskraft) gegeben. Der Protest vom Dienstag stand wie jener vom April unter dem Motto „No a Keiko“ (Nein zu Keiko) – und gemeint war damit auch „Nein zu Fujimori“.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Denn die Gegner und Kritiker Fujimoris fürchten, dass mit Keiko auch die Politik ihres Vaters Alberto, peruanischer Staatschef im turbulenten Jahrzehnt von 1990 bis 2000, in den Präsidentenpalast zurückkehren werde. Sie fürchten sich vor dem „Fujimorismo 2.0“. Nach jüngsten Umfragen geht Keiko Fujimori am Sonntag als Favoritin in die Stichwahl gegen den 77 Jahre alten ehemaligen Weltbank-Ökonomen und früheren Finanzminister Pedro Pablo Kuczynski. Zudem errang die „Fuerza Popular“ bei der ebenfalls im April abgehaltenen Parlamentswahl 71 der 130 Sitze und verfügt im künftigen Parlament über die absolute Mehrheit.

          Ist Peru bereit für die Rückkehr des „Fujimorismus“? Zu den Demonstranten gegen Keiko Fujimori gehörten zahlreiche Vertreterinnen der feministischen Organisation zur Verteidigung der Frauenrechte (Demus). Man konnte sie an den schwarzen Pappschildern in der stilisierten Form eines Uterus mit dicken roten Farbklecksen auf Eileitern und Ovarien erkennen. Viele banden sich die Pappschilder mit den symbolischen Blutflecken um den Leib, andere hoben sie in die Höhe.

          Bekämpfung der Armut durch Zwangssterilisation

          Für Demus nahm auch Victoria Vigo aus Piura im Norden Perus an den Protesten teil. Vigo ist eine informelle Sprecherin Hunderttausender peruanischer Frauen, die vor rund zwei Jahrzehnten Opfer eines bis heute ungesühnten Staatsverbrechens wurden. Es handelt sich um massenweise Zwangssterilisierungen im Rahmen eines Regierungsprogramms, das den irreführenden Namen „Reproduktive Gesundheit und Familienplanung“ trug.

          Amnesty International und andere unabhängige Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass zwischen 1995 und 2000 etwa 350.000 Frauen und rund 250.00 Männer durch gezielte Eingriffe von Ärzten des staatlichen peruanischen Gesundheitswesens unfruchtbar gemacht wurden. Mindestens 44 Frauen starben laut einer Untersuchung aus dem Jahr 2002 an den Folgen des Eingriffs. Viele Opfer leiden bis heute unter Schmerzen oder sind traumatisiert. Die meisten Opfer waren Indigene der Volksgruppe der Quechua in ländlichen Gebieten, nur wenige unter ihnen sprachen oder verstanden Spanisch.

          Eines der schlimmsten Verbrechen in Amerika

          Auch weil sie Spanisch spricht, ist Victoria Vigo zur wohl bekanntesten Stimme der buchstäblich stummen Opfer geworden. Sie gehört auch zu den wenigen, die für das erlittene Unrecht eine Entschädigung erkämpfen konnten. Vigo verklagte das staatliche Krankenhaus, in das sie im April 1996 wegen schwerer Schmerzen im letzten Drittel ihrer dritten Schwangerschaft eingeliefert worden war. Ihr Sohn kam per Kaiserschnitt zur Welt, starb aber kurz nach der Geburt. Unmittelbar nach der Kaiserschnitt-Entbindung wurde Vigo sterilisiert, ohne dass die damals 34 Jahre alte Frau darüber informiert oder gar befragt worden wäre. Ein Gericht sprach ihr nach einem langen Verfahren Schmerzensgeld in Höhe von umgerechnet rund 2300 Euro zu.

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