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Wahlen in Peru : Die ungesühnten Verbrechen des Diktators

Kampf um Gerechtigkeit: Opfer von Alberto Fujimoris Sterilisierungsporgramm protestieren in Lima.
Kampf um Gerechtigkeit: Opfer von Alberto Fujimoris Sterilisierungsporgramm protestieren in Lima. : Bild: Imago

Amnesty bezeichnet die Massensterilisierungen in Peru als „einen der schlimmsten Menschenrechtsverstöße in Amerika“. Die vorgeblich freiwilligen Sterilisierungen wurden seinerzeit in Peru als Instrument der Armutsbekämpfung eingesetzt. Damit lag Präsident Alberto Fujimori im intellektuellen Trend der neunziger Jahre. Zumal vom „Club of Rome“ wurde damals die Warnung vor einer gefährlichen „Bevölkerungsexplosion“ verbreitet, wonach die Überbevölkerung die Hauptursache für fast alle Menschheitsprobleme jener Tage war – von Massenarmut und Hungersnöten über Rohstoffverknappung bis zur Umweltzerstörung.

Fujimoris Sterilisierungsprogramm fand Zustimmung bei den UN, die amerikanische Entwicklungshilfeorganisation USAID unterstützte es finanziell. Mitarbeiter der staatlichen Gesundheitsbehörde schwärmten in die indigenen Bauerndörfer des Andenhochlands aus und luden Frauen im gebärfähigen Alter zu kostenlosen „Untersuchungen“ ein. Als Belohnung wurde mitunter ein Sack Reis versprochen. Oder es wurde gedroht: Wer der Einladung nicht Folge leiste, werde bei künftigen Reihenuntersuchungen nicht mehr berücksichtigt und erhalte keine kostenlosen Medikamente.

Fujimori hatte seine Amtszeit 1990 als erfolgreicher Wirtschaftssanierer und entschlossener Kämpfer gegen die maoistischen Terroristen des „Leuchtenden Pfades“ begonnen. Bis heute haben viele Peruaner im ländlichen Andenhochland sowie im Norden am Amazonas Fujimori deshalb in guter Erinnerung. Mit Sozialprogrammen gab er den Marginalisierten das Gefühl, nicht länger von der gesellschaftlichen Entwicklung ausgeschlossen zu sein. Doch Fujimori endete als korrupter Diktator. Im November 2000 setzte er sich nach Japan ab, um sich der drohenden Amtsenthebung zu entziehen. 2007 wurde Fujimori von Chile, wo er seit Ende 2005 gelebt hatte, nach Peru ausgeliefert und wegen Korruption, Folter und Menschenrechtsverbrechen zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Fujimori sitzt noch heute in Haft.

„Primera Dama“

Für die Massensterilisierungen musste er sich aber noch nicht vor Gericht verantworten. Seit 2007 scheiterten drei Anläufe, zuletzt lehnte im Januar 2014 der zuständige Staatsanwalt eine Anklageerhebung wegen fehlender Beweise ab. Und hier kommt Alberto Fujimoris älteste Tochter Keiko ins Spiel. Im Alter von 19 Jahren war sie im August 1994 von ihrem Vater zur „Primera Dama“ ernannt worden. Sie bekleidete das informelle, aber einflussreiche Amt sechs Jahre lang. Dem Aufstieg der Studentin Keiko Fujimori zur jüngsten „First Lady“ Lateinamerikas war ein spektakulärer Rosenkrieg ihrer Eltern vorausgegangen. Alberto Fujimoris Ehefrau Susana Higuchi hatte schon 1992 vor der grassierenden Korruption in der Regierung ihres Mannes und vor den brutalen Machenschaften des Geheimdienstes unter Vladimiro Montesinos gewarnt. Fujimori warf seine Frau während des Scheidungsverfahrens aus dem Präsidentenpalast und machte Keiko zur „Primera Dama“. Auch Fujimoris einstiger Geheimdienstchef Montesinos sitzt eine langjährige Haftstrafe ab.

Aus der Sicht von Victoria Vigo war Keiko Fujimori bei der Regierungskampagne zur Massensterilisierung von Indigenen eine Komplizin oder zumindest eine Mitwisserin ihres Vaters. Bis heute habe Keiko Fujimori dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht als solches anerkannt, beklagt Demus-Sprecherin Jessenia Casani. Als Keiko Fujimori bei einem Redeauftritt an der Harvard-Universität vor wenigen Monaten zu der Sache befragt wurde, äußerte sie zwar Bedauern über das Leid der Opfer und sprach sich für deren finanzielle Entschädigung durch den peruanischen Staat aus. Sie machte aber vor allem das medizinische Personal für die Eingriffe verantwortlich.

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