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Fünfter Prozesstag : Breivik hält sich für „strafrechtlich gesehen gesund“

  • Aktualisiert am

Breivik im April, am fünften Prozesstag im Gericht in Oslo Bild: dpa

Für seine Attentate hat sich Anders Behring Breivik nach eigenen Aussagen von Al Qaida inspirieren lassen. Vor seinen Morden habe er sich und seine Opfer „entmenschlicht“. Er sei kein Fall für die Psychiatrie, sagte Breivik vor Gericht.

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          Der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik ist sich nach eigener Aussage voll bewusst, unfassbares Leid ausgelöst zu haben. Er habe das Leben der Angehörigen und Hinterbliebenen zerstört, sagte er am Freitag ruhig und ohne Reue vor Gericht. „Ich kann nicht behaupten, dass ich ihr Leid verstehe“, sagte Breivik. „Wenn ich das versuchen würde, könnte ich hier nicht sitzen. Dann könnte ich nicht weiterleben.“

          Breivik sagte, er habe sich zu der „Selbstmordaktion“ vom vergangenen Juli entschlossen, nachdem er alle „friedlichen Mittel“ zur Umsetzung seiner Ziele ausgeschöpft habe. Er bezeichnete sich selbst als sonst „sympathischen“ Menschen. Er sei kein Fall für die Psychatrie. Breivik warf den Medien abermals vor, ihn zu den Anschlägen gezwungen zu haben, da sie ihm durch die systematische Zensur seiner nationalistischen Ideologie keine andere Ausdrucksmöglichkeit gelassen hätten.

          Das Jugendlager der regierenden Arbeiterpartei auf Utöya, in dem er am 22. Juli 2011 69 Menschen erschoss, bezeichnete er als „Indoktrinierungslager“. Der 33-Jährige sieht sich als Verteidiger der „ethnischen Norweger“ gegen eine „muslimische Invasion“. „Ich bin normalerweise ein sehr sympathischer Mensch“, versicherte Breivik am fünften Prozesstag.

          „Ich bin strafrechtlich gesehen gesund“

          In Vorbereitung auf die Anschläge habe er seit 2006 seine sozialen Kontakte abgebrochen und durch Meditation seine Emotionen zu kontrollieren geübt. Er habe seine Opfer „entmenschlicht“, da er sonst die Angriffe nicht hätte verüben können. Er habe jahrelang an seiner Psyche arbeiten müssen, um die „grausamen, barbarischen Taten“ begehen zu können. Breivik betonte auf die Frage eines Anwalts der Opfer zu seinem Verständnis von Empathie, er sei kein Fall für die Psychatrie. „Ich bin strafrechtlich gesehen gesund“, sagte Breivik. Es sei zwischen „politischem Extremismus und Wahnsinn im klinischen Sinne des Wortes“ zu unterscheiden.

          Der selbsterklärte Vorkämpfer gegen eine Islamisierung fürchtet, dass seine Anschläge als Taten eines Irren abgetan werden. Sein Geisteszustand ist aber unter Experten umstritten. Breiviks Anwalt Geir Lippestad hatte die Überlebenden und Hinterbliebenen der Anschläge gewarnt, dass die Verhandlung am Freitag „der härteste Tag“ des Prozesses werden dürfte.

          Breivik beschrieb detailliert, wie er auf Jugendliche auf der Fjordinsel Utøya schoss. „Jetzt oder nie“, habe er sich gedacht, als er als Polizist verkleidet auf der Insel gestanden haben. Er habe die Pistole aus der Tasche geholt und als erstes die Betreuerin des Ferienlagers erschossen. Danach sei er in einen Schockzustand gefallen und erinnere sich an wenig. Dennoch berichtete Breivik von Einzelheiten der weiteren Morde. Er habe so viele Menschen hinrichten wollen wie möglich.

          Er habe Angst gehabt, die Jugendlichen könnten sich wehren. „Wenn eine Gruppe Widerstand versucht hätte, hätten sie das einfach geschafft“, sagte er. Eigentlich habe er so wenig wie möglich schießen wollen, sondern die Jugendlichen ins Wasser scheuchen, wo sie ertrinken sollten. Breivik atmete während seiner Ausführungen immer wieder heftig durch. Zu diesem Zeitpunkt hatte noch niemand der Angehörigen den Saal verlassen.

          „Habe viel von Al Qaida gelernt“

          Für seine Attentate im vergangenen Sommer hat er sich nach eigenen Aussagen von Al Qaida inspirieren lassen. „Ich habe viel von Al Qaida gelernt“, sagte Breivik am Freitag vor Gericht.

          Die Organisation sei so erfolgreich, weil sie „Märtyrer“ (Selbstmordattentäter) einsetze. Das Problem mit militanten Islamisten sei aber, dass sie zu sehr auf Sprengstoff und nicht auf Amokläufe mit Schusswaffen setzten. Dennoch habe er die Organisation mehrere hundert Stunden lang im Internet und über Filme studiert und eine Art „Al Qaida für Christen“ schaffen wollen.

          Vor dem Gerichtsgebäude in Oslo

          Für sein Kompendium habe er auch andere Terrororganisationen verglichen. „Die Schwäche der (baskischen Untergrundorganisation) ETA ist, dass sie den Tod fürchten und nicht an das Leben nach dem Tod glauben. Das ist die Schwäche von Marxisten-Bewegungen. Der Vorteil von Al Qaida ist, dass sie Märtyrertum glorifizieren“, sagte der Massenmörder.

          Um seine Attentate durchzustehen, habe er sich emotional total abgekapselt, behauptete der 33-Jährige. „Man muss gefühlsmäßig abgestumpft sein, das muss man trainieren.“ Bis 2006 sei er ein normaler Mensch gewesen. Danach habe er sich über mehrere Jahre „entmenschlicht“. Auch seine technische Sprache während der Verhöre sei ein Werkzeug. „Man kann niemanden töten, wenn man mental nicht vorbereitet ist“, sagte Breivik. Er sei aber kein Narziss, der vor allem sich selbst liebe. „Ich fühle eine große Liebe für dieses Land. Das ist nicht normal, aber so bin ich.“

          Breivik hatte am Donnerstag ausgesagt, er habe alle 569 Teilnehmer des Jugendlagers töten wollen. Ihm wird wegen der Anschläge mit insgesamt 77 Toten seit Montag der Prozess gemacht. Mit einem Urteil wird nicht vor Mitte Juli gerechnet.

          Breivik vor Gericht

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