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Oscar Pistorius : Ein Nationalheld geht in Haft

Der Gefallene: Oscar Pistorius sucht nach der Verkündung des Strafmaßes die Nähe zu seiner Familie Bild: AP

Der Prozess gegen Oscar Pistorius war lang und bisweilen kaum zu ertragen. Die Suche nach dem richtigen Strafmaß war für die Richterin ein Balanceakt. Das gefallene Idol trägt das Urteil am Ende mit Fassung.

          4 Min.

          Es ist kein Tag der großen Emotionen. Oscar Pistorius hat während der 43 Verhandlungstage im Hohen Gericht von Pretoria viele Facetten gezeigt: Er hat geweint, geschluchzt, sich übergeben, ist schnippisch, kampfeslustig, verstört gewesen. Am Dienstag jedoch sitzt der Mann, der trotz amputierter Unterschenkel in den Olympischen Spielen gegen nicht-behinderte Sportler angetreten ist, mit unbewegter Mine auf der Anklagebank. Wie immer trägt er schwarzen Anzug mit weißem Hemd und schwarzer Krawatte. Selbst als Richterin Thokozile Masipa in roter Robe das Strafmaß verkündet, zeigt er keine Gefühle. Lediglich seine Wimpern zucken.

          Claudia Bröll

          Freie Afrika-Korrespondentin mit Sitz in Kapstadt.

          „Mister Pistorius, bitte erheben Sie sich. Fünf Jahre Haft betrachte ich als eine faire Strafe sowohl für die Gesellschaft als auch für den Angeklagten.“ Das sind die Worte, auf die Beobachter auf der ganzen Welt gewartet hatten. Die Richterin hatte Pistorius vor einem Monat von der Mordanklage freigesprochen und wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Viele hatten ihr damals zu viel Milde vorgeworfen. Bei der Verkündung des Strafmaßes blieb sie nun in der Mitte zwischen den von der Anklage geforderten zehn Jahren Gefängnis und dem Hausarrest mit Sozialarbeit, wofür die Verteidigung plädiert hatte.

          Rosen im Gerichtssaal

          Vor dem Gerichtsgebäude in Pretoria haben sich schon am frühen Morgen Journalisten, Fotografen, Kameraleute und viele Schaulustige eingefunden. Polizisten versuchen für Ordnung zu sorgen. Drinnen im Gerichtssaal GD ist von all dem Trubel nichts zu spüren. Ein paar Rosen liegen auf der Anklagebank von einem Pistorius-Fan. Freunde von Reeva Steenkamp verteilen Fotos von dem Fotomodell, das Pistorius in der Nacht zum Valentinstag 2013 mit vier Schüssen durch eine geschlossene Toilettentür getötet hatte.

          Als Richterin Masipa um kurz vor 9.30 Uhr den Saal betritt und unverzüglich beginnt, wird es mucksmäuschenstill. Nur einmal ist außer ihrer ruhigen Stimme ein Geräusch zu hören, als sich nämlich Pistorius’ Bruder Carl verspätet auf Krücken hineinschleicht. Die Eltern von Reeva Steenkamp, June und Barry, sitzen auf den üblichen Plätzen auf der einen Seite, die Pistorius-Familie – auch Oscars Vater Henke ist gekommen – auf der anderen Seite. Mehrere Freunde von beiden Seiten haben sich eingefunden. Keiner in den voll besetzten Zuschauerreihen wendet mehr den Blick von der Richterin.

          „Die Entscheidung über das Strafmaß ist einzig und allein meine Entscheidung“, beginnt sie und setzt sogleich hinzu, dass eine solche Aufgabe eine große Herausforderung darstelle. „Es handelt sich nicht um exakte Wissenschaft. Man muss sorgfältig auf eine Balance achten zwischen der Schwere der Tat, den Interessen der Gesellschaft und den persönlichen Umständen des Angeklagten.“ Dass sie auch bei der Verkündung des Strafmaßes versucht, Balance zu halten, ist unverkennbar. Ausführlich befasst sie sich zunächst mit den einzelnen Zeugen, die Anklage und Verteidigung in der vergangenen Woche präsentiert hatten. Reeva Steenkamp sei eine glückliche Frau gewesen, die sich stets um ihre Familie gesorgt habe, wiederholt sie die Aussage einer Cousine von Steenkamp. „Ihr Tod hat die Familie bis ins Mark getroffen.“ Weiter geht es mit einem Beamten der Strafvollzugsbehörde. Nach dessen Aussage habe sie keine Zweifel, dass Pistorius trotz seiner Behinderung in einem Gefängnis angemessen umsorgt werde. Er könne dort seine psychologische Behandlung fortsetzen, seine bisherigen Ärzte weiter konsultieren.

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