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Islamischer Staat : Ferienlager vor dem Krieg

Der Iraner und IS-Anhänger Abu Walaa steht nun in Celle vor Gericht. Bild: Reuters

Er soll viele junge Menschen radikalisiert und nach Syrien und in den Irak geschleust haben: Abu Walaa, eine Führungsfigur des IS in Deutschland, steht nun in Celle vor Gericht.

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          Erst ist nur das dunkle Oval des penibel in Form gehaltenen Salafistenbartes zu sehen, als Ahmad Abdulaziz Abdullah A. den Saal des Oberlandesgerichts Celle betritt. Mit einem grauen Aktendeckel verdeckt er sein Gesicht und wartet, bis die Kameras den Saal verlassen. Er, der sich selbst Abu Walaa nennt, und den die Sicherheitsbehörden für eine wesentliche Führungsfigur der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) in Deutschland halten, pflegt seit jeher eine Aura des Geheimnisvollen. Er ist der „Prediger ohne Gesicht“, der auf seinen Videos stets nur von hinten zu sehen ist, mit schwarzem Turban und dunklem Umhang, wie der selbsternannte Kalif des IS, Abu Bakr al Bagdadi.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          Seit Dienstag steht Abu Walaa mit vier Gesinnungsgenossen in Celle vor Gericht. Die Bundesanwaltschaft sieht in ihm den „Deutschland-Repräsentanten“ des IS. Er habe „im Einvernehmen“ mit der Terrororganisation radikal-islamistische Inhalte gepredigt und sich ausdrücklich zu ihr bekannt. Er sei der „Kopf eines Netzwerkes“, um die Ausreisen von radikalisierten Jugendlichen in die Bürgerkriegsgebiete in Syrien und dem Irak zu organisieren, und habe enge Verbindungen bis in die Führung des IS gepflegt. Insgesamt 24 junge Männer soll er, nachdem sie sein System von Vorbereitungsseminaren und Gehirnwäsche durchlaufen haben, in die Bürgerkriegsgebiete geschleust haben. Mindestens sechs von ihnen sind heute tot. Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung, Terrorismusfinanzierung und Beihilfe zur Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat stehen in der Anklage.

          Als dann die Kameras den Saal verlassen, gibt Ahmad Abdulaziz Abdullah A. den Blick frei auf das blasse, unauffällige Gesicht eines 33 Jahre alten Irakers mit lichtem Haaransatz. Der Mann, der sich später Abu Walaa nannte, kam 2001 als Asylbewerber nach Deutschland und verdingte sich zunächst als Jeans-Verkäufer und „Verkaufsgebietsvertreter“ für ein Getränk namens „Sultan-Cola“. Doch bald erkannte er sein wahres Talent: Er begann zu predigen und machte sich in der deutschen Salafistenszene einen Namen. 2012 gründete er in einer früheren Schlecker-Filiale in Hildesheim seinen eigenen Moscheeverein, den „Deutschsprachigen Islamkreis“ (DIK). Regelmäßig kamen mehrere hundert Anhänger zu seinen Freitagsgebeten. Inzwischen predigte er in einschlägigen Moscheen im ganzen Land. Zu seinen Seminaren, die oft über mehrere Tage gingen und bei denen seien Anhänger wie in einem Ferienlager in Schlafsäcken in den Räumen des DIK übernachteten, reisten bald Extremisten aus ganz Europa an.

          Er lehrte im Hinterzimmer seines Duisburger Reisebüros junge Männer den Dschihad

          Der Berliner Weihnachtsmarktattentäter Anis Amri nahm an einer dieser Schulungen teil, ebenso die beiden jungen Männer, die im April 2016 einen Sprengstoffanschlag auf einen Sikh-Tempel in Essen verübten. Aufgrund seiner herausragenden Position als „Deutschland-Repräsentant“ des IS „und der damit verbundenen persönlichen Autorität übte er eine enorme Anziehungskraft auf Personen aus dem salafistischen Spektrum aus“, formuliert es die Bundesanwaltschaft am Dienstag in dem nüchternen Hochsicherheitssaal des Oberlandesgerichts Celle. „Die Indoktrination der Seminarteilnehmer hatte im Wesentlichen zum Ziel, diese entweder zur Ausreise in das vom IS kontrollierte Herrschaftsgebiet zu bewegen oder aber zu einer Agitation im Inland bis hin zu Terroranschläge gegen ,Ungläubige‘ zu animieren.“ Der Hauptangeklagte lauscht dem Vortrag hinter dickem Sicherheitsglas mit selbstgewissem Lächeln.

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