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Frühkritik: Michelle Obama bei Jimmy Fallon : Die Hausfrau aus dem Oval Office

So normal, wie eine Präsidentengattin eben sein kann: Michelle Obama Bild: AP

Michelle Obama in Jimmy Fallons „Tonight Show“, das hätte lustig sein können oder unterhaltsam, vielleicht sogar aufschlussreich. Doch man sah nur eine Präsidentengattin, die so normal tut, dass es schon unnormal ist.

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          Michelle Obama hat Jimmy Fallon, den neuen Gastgeber der „Tonight Show“ auf NBC, in dessen vierter Sendung mit einem Besuch beehrt. Sie wirkte zunächst in einem Sketch mit, in dem Fallon (mit Zahnspange) und der Komiker Will Ferrell als Mädchen verkleidet waren, die alle Gegenstände und Personen ihrer Umwelt mit einsilbigen Prädikaten der Wertschätzung oder des Ekels belegen. Frau Obama war die unterkandidelte Dritte im Bunde, die zum vernünftigen roten Pullover keinen kitschigen Modeschmuck trug. Sie gab vor, jeden Tag die Olympischen Winterspiele zu verfolgen und blickte nach ihren betont braven Antworten regelmäßig launig ins Publikum. Schlusspointe: Sie kredenzte Knabberzeug für Wählerische, Grünkohlchips als gesunde Alternative zu Kartoffelchips.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Nach dem Abspielen dieses Einspielfilms trat Frau Obama im schwarzen Hosenanzug aus der Kulisse und nahm im Sessel vor dem Schreibtisch des Moderators Platz. Sie gab vor, jeden Tag die Olympischen Winterspiele und im Anschluss daran Fallons Show zu verfolgen. Während des traditionellen Begrüßungsmonologs, dessen Pointen allesamt nicht so recht zündeten, hatte Fallon immer wieder seine Hände in die Hosentaschen gesteckt. Das sähe im Sitzen wohl doch zu albern aus. Umso heftiger rotierte Fallons Oberkörper; Antworten, die er als witzig markieren wollte, quittierte er mit heftigstem Zappeln.

          Lustige Erlebnisse aus dem Zentrum der Macht

          Fallon gab Frau Obama die Gelegenheit, Werbung für die Gesundheitsreform ihres Mannes zu machen. Für junge Leute, die mit sechsundzwanzig Jahren aus dem Versicherungsschutz ihrer Eltern herausfallen, kostet der monatliche Beitrag nach den Angaben von Frau Obama weniger als ein Paar Turnschuhe. Wie es ihr Mann seit Monaten vormacht, versuchte sie dem Fiasko des Internetzugangs zur neuen Zentralverwaltung des Gesundheitsmarktes Stoff für einen selbstironischen Scherz abzugewinnen.

          Fotogen: Michelle Obama am Dienstag im New Museum in New York
          Fotogen: Michelle Obama am Dienstag im New Museum in New York : Bild: AP

          Als erste Dame des Staates sollte Michelle Obama lustige Erlebnisse nach dem Schulaufsatzschema „Mein erstes Haustier“ zum Besten geben. Ihre erste Stelle hatte sie bei einem Buchbinder. Fallon konnte das gar nicht fassen, die Heftigkeit seines Gezappels stieß in veitstänzerische Regionen vor. Offenbar wusste der Neununddreißigjährige wirklich nicht, dass noch zu seinen Lebzeiten Bücher gebunden wurden.

          Michelle Obama tritt häufig in solchen Unterhaltungssendungen auf, und jedes Mal bemüht sie ihre Töchter, um das Bild einer normalen Familie zu entwerfen, die unter unnormalen Bedingungen lebt. Demnächst wird ihre ältere Tochter Fahrstunden nehmen. Mama wird vom Secret Service beschützt, aber der Rest der Hauptstadt soll sich in Acht nehmen! Müssen sich die Töchter solche Sprüche auch anhören, wenn keine Kamera läuft? Man möchte nicht darauf wetten.

          Eigentlich spielt Michelle Obama eine klassische Frauenrolle

          Es scheint Frau Obama Vergnügen zu machen, sich entschieden unernst zu präsentieren. Bei näherer Betrachtung spielt sie damit eine klassische Frauenrolle, wie man auch Fallons Dauerlächeln und seine neckischen Verrenkungen früher als mädchenhaft beschrieben hätte.

          Aber für Michelle Obama hat der Spaß eine Grenze. Sollen sich die Zuschauer ruhig vorstellen, dass die ehrgeizige Juristin, deren Mann in diesen Wochen verzweifelt versucht, den letzten Rest seines professionellen Rufs zu retten, am Abend im Weißen Haus nichts Besseres zu tun hat, als Eistänzerpaaren bei ihren Pirouetten zuzusehen. Ihre Töchter will sie nicht für dumm verkaufen: Fürs Fernsehen, sagt sie, interessieren sie sich nicht.

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