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Friedensnobelpreis für Tawakkul Karman : Die Vorkämpferin aus dem "Zelt der Würde"

Tawakkul Karman wird von ihren Anhängern in Sanaa für ihren Friedensnobelpreis gefeiert Bild: REUTERS

Die couragierte Jemenitin Tawakkul Karman ist zu einem bekannten Gesicht des arabischen Frühlings geworden. Dafür hat sie einen hohen Preis bezahlt.

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          Die arabische Jugend des Aufbruchjahres 2011 hat viele Gesichter. Namentlich bekannt wurden aber nur wenige, die sich gegen die Despotie und Repression erhoben haben. Denn die Massen in Nordafrika, in der Levante und in Ländern der Arabischen Halbinsel sind nicht einigen Führern in der Hoffnung gefolgt, sich eine bessere Zukunft zu sichern. Sie waren aus sich heraus stark, und viele nutzten auch die Anonymität des Internets, um nicht in das Visier der Sicherheitsapparate zu geraten.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Tawakkul Karman ist einige der wenigen Namen und Gesichter, die sich eingeprägt haben. Für ihre Bekanntheit hat sie den Preis bezahlt. Wiederholt hat das Regime von Staatspräsident Ali Abdullah Salih sie in diesem Jahr festnehmen lassen. Vom ersten Tag der Proteste gegen das Regime war sie die Seele der jungen Aktivisten. Am 15. Januar, dem Tag nach dem Sturz des tunesischen Despoten Ben Ali, hatte sie zu dem kleinen Kreis von Oppositionellen gehört, der zu den ersten Kundgebungen in Jemens Hauptstadt Sanaa aufrief. Unter den vielen Männern marschierten neben Tawakkul Karman, die am 7. Februar 1979 geboren wurde, nur zwei andere Frauen mit. Das sollte sich ändern. Bald folgten mehrere zehntausend Frauen dem Aufruf der jungen Aktivistin. Diesen Wandel bezeichnet Tawakkul Karman als eine gesellschaftliche und kulturelle Revolution, die jeder politischen Revolution vorausgehen müsse.

          Das erste Mal war sie gleich zu Beginn der Proteste festgenommen worden. Keiner kannte ihren Aufenthaltsort, auch nicht ihr Mann, den sie im Alter von 22 Jahren geheiratet hatte. Am 29. Januar ließ die Staatssicherheit sie wieder frei, und sie kehrte auf den "Platz des Wandels" zurück, wie die jungen Aktivisten ihre Zeltstadt in Sanaa nennen. Von hier aus wollten sie ihr Land verändern, wollen Salih und dessen korruptes Regime stürzen. Verwandte kümmern sich derweil um die drei Kinder von Tawakkul Karman.

          Unzählige Male ist die charismatische und eloquente Rednerin auf ein kleines Podest auf dem "Platz des Wandels" gestiegen. Dort, am Eingang zur Universität, an der sie Verwaltungswissenschaften studiert hatte, sprach und spricht sie über die Fehlentwicklungen im Jemen, über die Notwendigkeit des Sturzes des Regimes und fordert die Frauen auf, sich jenseits von Frauenthemen politisch zu engagieren. Immer besteht sie darauf, dass die Proteste gewaltlos bleiben müssten.

          Seit dem ersten Tag lebte Tawakkul Karman mit ihrem Mann, einem Mathematiklehrer und Menschenrechtsaktivisten, auf dem "Platz des Wandels", wo sie ein Zelt mit flatternden blauen Planen aufgebaut und bezogen hat. Ihr provisorisches Zuhause erreicht man über die "Straße des Wandels", wo die "Straße der Freiheit" abzweigt, in der das blaue "Zelt der Würde", das Nervenzentrum der Revolution gegen Präsident Salih, steht. Von dort koordinierte Tawakkul Karman mit den Repräsentanten der mehr als hundert revolutionären Vereinigungen die Proteste, marschierte mit vielen Hunderttausenden hinaus auf die großen Straßen von Sanaa. Eine Hierarchie kennt die spontane Ordnung auf dem "Platz des Wandels" nicht. Tawakkul Karman wurde und wird von allen als Sprecherin akzeptiert. Und das im Jemen, einem der ärmsten und konservativsten Länder der arabischen Welt, in dem die meisten Frauen noch heute voll verschleiert sind und es vermeiden, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen.

          Unprätentiös geht Tawakkul Karman mit den Menschen um, gewinnt sie mit ihrer Herzlichkeit und Fürsorglichkeit. Aber sie ist ein durch und durch politischer Mensch. Ihr Vater hatte in mehreren Regierungen als Minister für rechtliche und parlamentarische Angelegenheiten gedient. In der Öffentlichkeit und zu Hause kritisierte er das Regime, das er von innen kannte. Zu Hause sprach er mit seiner Tochter viel über Gerechtigkeit und Fehlentwicklungen im Jemen. Daher organisierte sie von 2007 an vor dem Amtssitz der Regierung kleinere Kundgebungen. Selten kamen mehr als ein paar hundert Studenten. Jeden Dienstag forderten sie das Ende von Korruption und Tyrannei, die Freilassung der politischen Gefangenen sowie Meinungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit. Heute will Tawakkul Karman mehr: Sie will, dass Salih, der seit 1978 regiert, von der Macht entfernt wird. Sollte dessen Regime tatsächlich stürzen, wird das auch ein Verdienst des Mutes von Tawakkul Karman sein.

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