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Zur Rolle von Vorbildern : „Greta inspiriert dazu, es ihr gleichzutun“

  • -Aktualisiert am

Greta Thunberg Superstar: Ein einzelnes Kind inspiriert - hier in Hamburg - Tausende Schüler zu Demonstrationen. Bild: dpa

Hunderttausende Jugendliche haben am Freitag weltweit für mehr Klimaschutz demonstriert. Der Psychologe Tobias Rothmund erklärt, wieso Greta Thunberg so erfolgreich ist – und was sie mit Donald Trump gemeinsam hat.

          Herr Rothmund, stellen Sie sich vor, es gäbe keine Greta Thunberg. Würden Schüler jetzt trotzdem für mehr Klimaschutz demonstrieren?

          Es gäbe vielleicht einzelne Demonstrationen, aber nicht in dieser Masse. Schulstreiks wahrscheinlich gar nicht.

          Warum nicht?

          Wir haben es hier mit einer sozialen Bewegung zu tun. Greta hat diese Bewegung initiiert. Damit inspiriert sie dazu, es ihr gleichzutun.

          Wieso schafft es Greta, junge Menschen so sehr zu politisieren? Sind „echte“ Politiker nicht eigentlich glaubwürdiger? Sie machen das immerhin beruflich.

          Bei sozialen Bewegungen gibt es drei treibende Faktoren, die wir verstehen müssen: Zum einen wahrgenommenes Unrecht, das in erster Instanz zu sozialen Bewegungen motiviert. Klimawandel und die damit verbundene Schädigung der Natur ist in diesem Fall bereits bekannt gewesen. Das ist nicht unbedingt Gretas Verdienst. Dafür die beiden anderen Faktoren umso mehr: nämlich soziale Identität und politische Selbstwirksamkeitsüberzeugung.

          Das klingt erstmal abstrakt.

          Ist es aber eigentlich nicht. Bei sozialer Identität geht es darum, dass Greta dieser Bewegung ein Gesicht gegeben hat. Soziale Bewegungen brauchen häufig Figuren, mit denen sich Menschen identifizieren können. Dafür ist sie sehr gut geeignet, weil sie selbst Schülerin ist. Der dritte Faktor ist politische Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Auch in dieser Hinsicht hat sie Modellfunktion.

          Weil…

          … sie durch ihr Handeln, auch durch ihre Gespräche mit Spitzenpolitikern gezeigt hat, dass auch Kinder und Jugendliche etwas bewirken können. Der Glaube, dass ich durch mein politisches Handeln etwas erreichen kann, ist eine Grundüberzeugung, die Menschen in demokratischen Systemen brauchen. Wenn diese Überzeugung schwindet, dann verliert die Demokratie an Rückhalt. Deshalb ist es für unsere Gesellschaft sehr wichtig, dass Menschen diese Überzeugung entwickeln und pflegen.

          Von der Relevanz sozialer Bewegungen: „Häufig führen solche Proteste tatsächlich zu Veränderungen in der Gesellschaft“, sagt Tobias Rothmund.

          Sind Vorbilder also die neuen Politiker?

          Ich denke schon, dass es Personen außerhalb der professionellen Politik leichter haben, populäre Positionen einzunehmen. Sie sind nicht an Sachzwänge gebunden und müssen nicht auf dem politischen Parkett überleben. Das macht es einfacher.

          Und dennoch werden Vorbilder oder Galionsfiguren durch ihr Wirken zum politischen Akteur.

          Eine andere Frage ist, was passiert, wenn eine solche Person tatsächlich in eine politisch verantwortungsvolle Position kommt, richtig. Das haben wir bei Donald Trump ja erlebt. Erst dann merkt man häufig, dass populäre Positionen politisch nicht tragbar sind.

          Fördern Vorbilder aus der Gesellschaft wie Greta Thunberg oder Donald Trump also Schwarz-Weiß-Denken?

          Soweit würde ich nicht gehen. Nicht-Politikern fällt es schlicht leichter, die Stimmungslage zu beeinflussen. Dass hierdurch pauschal Populismus begünstigt wird, glaube ich hingegen nicht.

          Was unterscheidet Greta dann noch von Trump?

          Ich würde die beiden ungern in eine Kategorie stecken, weil Trump Inhaber eines politischen Amtes ist. Die Bewegung „Fridays for Future“ hingegen ist eine zivile Bewegung aus der Mitte der Gesellschaft. Solche Bewegungen gibt es immer wieder, auch die #MeToo-Debatte ist so entstanden. Galionsfiguren sind dabei unglaublich wichtig. Denn häufig führen diese Bewegungen tatsächlich zu Veränderungen in der Gesellschaft.

          Spielen Vorbilder künftig eine immer wichtigere Rolle?

          Man kann annehmen, dass das Influencerprinzip aus den sozialen Medien unter politischen Bedingungen zunehmend an Bedeutung gewinnt. Einzelpersonen sind zunehmend in der Lage, mittels sozialer Medien auch große Personenkreise anzusprechen. Trump und Greta haben das verstanden und nutzen die sozialen Medien als Werkzeug.

          Werden es klassische Parteien in der politischen Meinungsbildung künftig schwerer haben?

          Könnte sein. Es könnte aber auch sein, dass etablierte Parteien die sozialen Medien für ihre Zwecke zu nutzen lernen und aus der digitalen Revolution gestärkt hervorgehen.

          Politiker bleiben also Politiker und werden nicht unterwandert von den Gretas dieser Welt.

          Ich glaube schon, dass es für Politiker herausfordernd ist, diese Entwicklung zu verstehen und sich entsprechend anzupassen. In Deutschland haben sich die traditionellen Parteien bei der Nutzung sozialer Medien noch nicht besonders profiliert.

          Sie scheinen also auf Gretas Seite zu sein.

          Ich finde es durchaus sympathisch, was gerade passiert. Eine gewisse Form von zivilem Ungehorsam ist für politische Proteste charakteristisch. Deshalb denke ich, dass es schlimmere Verfehlungen gibt, als den Unterricht für den Protest an unzureichender Klimapolitik zu schwänzen.

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