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: Freiheit zum Vorzeigen

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Berlin. Es hätte so schön werden sollen. Der Oberbürgermeister, der Präsident des Friedensrates und der Präses der Landessynode warben vor 20 000 Menschen für den atomwaffenfreien Korridor in Europa. Der schwedische Botschafter überbrachte ...

          5 Min.

          Von Markus Wehner

          Berlin. Es hätte so schön werden sollen. Der Oberbürgermeister, der Präsident des Friedensrates und der Präses der Landessynode warben vor 20 000 Menschen für den atomwaffenfreien Korridor in Europa. Der schwedische Botschafter überbrachte Grußworte der Witwe Olof Palmes, des im Jahr zuvor ermordeten schwedischen Ministerpräsidenten. Friedenstauben stiegen auf. Doch "feindlich-negative Kräfte" störten die Feier der Friedensmacht DDR. Die jungen Leute entrollten Transparente mit der Aufschrift: "Wir brauchen Demokratie wie Luft zum Atmen" - ein provokatives Zitat des sowjetischen Parteichefs Michail Gorbatschow. Als vertrauensbildende Maßnahme forderten sie: "Ziviler Ersatzdienst auch in der DDR". Selbst vor dem größten Tabu machten sie nicht halt: "Frieden in Europa heißt auch: Keine Schüsse an unserer Grenze". Das stand auf einem "Sichtelement", dessen Größe die Stasi mit 2,5 Meter mal 1 Meter angab. So begann am Dienstag, dem 1. September 1987, in Stralsund der Olof-Palme-Friedensmarsch in der DDR - und drei besondere Wochen ihrer Geschichte.

          Dass die Stasi nicht wie sonst rüde gegen das "provokative Zeigen" regimefeindlicher Losungen vorging, hatte einen Grund: Eine Woche später sollte Generalsekretär Erich Honecker in die Bundesrepublik reisen - am 7. September zu Bundeskanzler Helmut Kohl nach Bonn und danach in seine saarländische Heimat. Da durfte es keine schlechte Presse und keine hässlichen Bilder geben. "Jedes Vorkommnis hätte unmittelbare Auswirkungen auf die Ergebnisse der Reise", bleuten die Stasi-Offiziere ihren Untergebenen ein. An den Veranstaltungen des Marsches könnten sich alle beteiligen - "auch alle, die wir bisher versucht haben, aus solchen herauszuhalten", lautete die Direktive. Die DDR wollte sich liberal präsentieren. Schon im Winter hatten die SED und ihr Westableger DKP beschlossen, gemeinsam den Olof-Palme-Friedensmarsch abzuhalten - in Ost- und Westdeutschland, Österreich und der CSSR. Als Deckmantel diente in der Bundesrepublik die von der DKP dominierte "Deutsche Friedensgesellschaft/Vereinigte Kriegsdienstgegner" (DFG/VK). Organisiert wurde der Marsch, der vom 1. bis 18. September stattfand, vom staatlichen Friedensrat der DDR. Doch auch der Bund Evangelischer Kirchen sollte dabei sein. Als im Frühsommer unabhängige kirchliche Friedensgruppen ihre Teilnahme ankündigten, konnte die Staatsführung das nicht ablehnen, ohne das ganze Projekt zu gefährden. Dennoch sollte alles unter Kontrolle bleiben.

          Das gelang nur mühsam. Nach dem Auftakt in Stralsund fand ein drei Tage dauernder Marsch von Ravensbrück nach Sachsenhausen statt. Der achtzig Kilometer lange Pilgerweg war von der Aktion Sühnezeichen vorbereitet worden, zwischen 500 und 600 Leute nahmen daran teil. Sie wanderten durch zahlreiche Ortschaften, wurden von Bürgermeistern und Pfarrern empfangen, Friedenslieder wurden gesungen und Bäume gepflanzt. Zwar war die Stasi "in entsprechender Kleidung und ohne Dienstausweis" stark vertreten, Mitarbeiter meldeten zur Not per Funk alles Auffällige "im Block der kirchlichen Kräfte". Doch die Zahl der Transparente mit unbotmäßigem Inhalt nahm täglich zu. Zählte die Stasi in Stralsund noch acht, waren es nun 45. "Wir hatten einige Transparente mitgebracht", erinnert sich Markus Meckel, heute Bundestagsabgeordneter und damals als Pfarrer ein Initiator des Pilgerweges, "dann haben die anderen welche nachgemacht." Die Marschierer forderten: "Keine Atomraketen in der DDR", "Für unsere Schulen Friedenspalmenkunde" oder "Einer muss anfangen. Weg mit dem Schieß . . .". Viele trugen ihre Plakate am Körper, beschrifteten Hemden und T-Shirts und unterliefen so die Versuche der Stasi-geleiteten Kräfte, ihre Botschaften durch Plakate mit regimetreuen Losungen zu verdecken. Da die Demonstranten unterwegs Besenstiele, Stoffe und Farben für Transparente kauften, schlug ein Stasi-Mann für die Zukunft vor, in solchen Fällen das "Warensortiment für einen kurzen Zeitraum einzuschränken". Als der Zug in Oranienburg ankam, ließ die SED 5000 Demonstranten vorneweg marschieren, damit die ungeliebten Parolen untergingen.

          Auch in anderen Städten verliefen die Veranstaltungen ungewohnt. Zwar fand bei der Friedensmanifestation der Jugend am 5. September in Wittenberg der Auftritt des stellvertretenden Juso-Vorsitzenden Olof Scholz "nur geringe Resonanz" bei den FDJlern, ebenso wie das gemeinsame Singen von "Pease on earth", wie der Stasi-Berichterstatter den Liedtitel notierte. Doch auch hier zeigten 250 Teilnehmer aus kirchlichen Friedensgruppen Flagge. "Dein Feind braucht Frieden" trugen sie vor sich her, oder: "Für die Kultur des Streites - auch in unserer Gesellschaft". In Torgau warben am 11. September Gruppen mit Slogans wie "Gitarren statt Knarren" oder "Besser Pfleger als Soldat".

          In Berlin, das die SED vom Marsch hatte aussparen wollen, fand unter Leitung des Stadtjugendpfarrers Wolfram Hülsemann am Abend des 5. Septembers ein Pilgerweg im Bezirk Prenzlauer Berg statt. Er führte von der Zionskirche, wo ihn die Mitarbeiterin des Stadtjugendpfarramts Marianne Birthler eröffnete, zur Gethsemanekirche. Etwa tausend Teilnehmer zogen mit Transparenten und Kerzen durch den Bezirk, hielten eine Andacht auf dem Käthe-Kollwitz-Platz. Die Volkspolizei regelte den Straßenverkehr. An der Spitze des Zuges wurde eine Atomrakete aus Pappmaché in einem Mülleimer mitgetragen. Auf einem Plakat stand: "Gorbatschow - unsere Hoffnung", in kyrillischen Buchstaben. Neben dem Recht auf Wehrdienstverweigerung forderten Demonstranten die Beseitigung der Mauer. Es war die größte legale Demonstration der Opposition in der Geschichte der DDR.

          Andere erstaunliche Dinge geschahen in diesen Septembertagen. Bürgerrechtler, die ein striktes Ausreiseverbot hatten, durften mit Delegationen in die Bundesrepublik und die CSSR reisen. Denn die Kirche hatte der SED eine Liste ihrer Teilnehmer überreicht, über deren Zusammensetzung die unabhängigen Gruppen nicht mehr verhandelten. Das Politbüro beschloss einen Tag vor der Abfahrt der ersten Delegation, dass alle "Feindpersonen" mitfahren durften, erinnert sich Heiko Lietz, der damals nach Flensburg reiste und heute das Bürgerbüro in Schwerin leitet. Der regimekritische Theologe Martin Böttger, der eine totale Ausreisesperre hatte, fuhr in die Tschechoslowakei. Zwar schickte die Stasi einen Major namens Edel mit, der "in abgedeckter Form" Böttger "absichern" sollte. Doch Böttger meldete sich beizeiten beim Delegationsleiter Frank Kessler, dem Sohn des Verteidigungsministers der DDR, ab und suchte in Prag Petr Uhl, ein Mitglied der Menschenrechtsgruppe Charta 77, auf. Der regimekritische Pfarrer Rudi Pahnke durfte nach Bonn reisen. "Ich hatte mir schon ausgemalt, wie ich auf dem Bonner Marktplatz vor Tausenden die Reformpolitik von Gorbatschow loben würde", erinnert sich der heute 64 Jahre alte Pahnke. Doch statt dem Jubel der Bundesbürger erlebte Pahnke einen Abend in einem Saal der Studentengemeinde, in den die Veranstalter nach stundenlangem Telefonieren 17 Leute beordert hatten. "Das war eine reine DKP-Veranstaltung, vollkommen lächerlich", sagt Pahnke heute. Auch auf der anderen Seite der Mauer gab es Enttäuschung. Eine DKP-Genossin beklagte sich über "Konsumverhalten" und "Gleichgültigkeit" in der DDR. "Zu Hause habe sie in der Wohnung Bilder von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. In ihrer Unterkunft im Studentenwohnheim der Päd. Hochschule Potsdam hängen Otto, Peter Maffey und andere", schrieb ein Stasi-Informant.

          Nach der Rückkehr Honeckers aus der Bundesrepublik wurden einige geplante Pilgerzüge von der SED unterbunden. Die Polizei ging härter gegen kritische Losungen vor. Dennoch erlebten die Bürgerrechtler in der DDR die Tage im September als Beginn einer neuen Zeit. Mancher hatte in den vergangenen Monaten Gorbatschow-Reden vervielfältigt, im Sommer war der "Kirchentag von unten" gegründet worden - nun wurden unabhängige Demonstrationen geduldet. Das Gefühl, ein Tauwetter habe eingesetzt, war bei den Bürgerrechtlern verbreitet. "Wenn es einmal Hoffnung gab, dann damals", sagt Meckel heute. Wenige warnten, die Hoffnungen seien naiv. "Ich war nicht von dem Glauben beseelt, dass das ein Durchbruch sein könnte", sagt die ehemalige Bürgerrechtlerin Freya Klier.

          Im November kam das böse Erwachen: Ein Stasi-Kommando drang in die Umweltbibliothek in der Zionskirche in Berlin ein und verhaftete vier Mitarbeiter. Dass die Kirche, bisher ein sicherer Zufluchtsort, vom Staat nun als Jagdgebiet freigegeben wurde, schockierte viele. "Da war klar, was wirklich Sache ist", sagt Meckel. "Jede Illusion war da endgültig geplatzt", pflichtet ihm Pahnke bei. Die Freiheit der Septembertage war nur zum Vorzeigen gewesen. Doch auch das machte Appetit. Es dauerte noch zwei Jahre, dann fiel die Mauer.

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