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: Freiheit zum Vorzeigen

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Auch in anderen Städten verliefen die Veranstaltungen ungewohnt. Zwar fand bei der Friedensmanifestation der Jugend am 5. September in Wittenberg der Auftritt des stellvertretenden Juso-Vorsitzenden Olof Scholz "nur geringe Resonanz" bei den FDJlern, ebenso wie das gemeinsame Singen von "Pease on earth", wie der Stasi-Berichterstatter den Liedtitel notierte. Doch auch hier zeigten 250 Teilnehmer aus kirchlichen Friedensgruppen Flagge. "Dein Feind braucht Frieden" trugen sie vor sich her, oder: "Für die Kultur des Streites - auch in unserer Gesellschaft". In Torgau warben am 11. September Gruppen mit Slogans wie "Gitarren statt Knarren" oder "Besser Pfleger als Soldat".

In Berlin, das die SED vom Marsch hatte aussparen wollen, fand unter Leitung des Stadtjugendpfarrers Wolfram Hülsemann am Abend des 5. Septembers ein Pilgerweg im Bezirk Prenzlauer Berg statt. Er führte von der Zionskirche, wo ihn die Mitarbeiterin des Stadtjugendpfarramts Marianne Birthler eröffnete, zur Gethsemanekirche. Etwa tausend Teilnehmer zogen mit Transparenten und Kerzen durch den Bezirk, hielten eine Andacht auf dem Käthe-Kollwitz-Platz. Die Volkspolizei regelte den Straßenverkehr. An der Spitze des Zuges wurde eine Atomrakete aus Pappmaché in einem Mülleimer mitgetragen. Auf einem Plakat stand: "Gorbatschow - unsere Hoffnung", in kyrillischen Buchstaben. Neben dem Recht auf Wehrdienstverweigerung forderten Demonstranten die Beseitigung der Mauer. Es war die größte legale Demonstration der Opposition in der Geschichte der DDR.

Andere erstaunliche Dinge geschahen in diesen Septembertagen. Bürgerrechtler, die ein striktes Ausreiseverbot hatten, durften mit Delegationen in die Bundesrepublik und die CSSR reisen. Denn die Kirche hatte der SED eine Liste ihrer Teilnehmer überreicht, über deren Zusammensetzung die unabhängigen Gruppen nicht mehr verhandelten. Das Politbüro beschloss einen Tag vor der Abfahrt der ersten Delegation, dass alle "Feindpersonen" mitfahren durften, erinnert sich Heiko Lietz, der damals nach Flensburg reiste und heute das Bürgerbüro in Schwerin leitet. Der regimekritische Theologe Martin Böttger, der eine totale Ausreisesperre hatte, fuhr in die Tschechoslowakei. Zwar schickte die Stasi einen Major namens Edel mit, der "in abgedeckter Form" Böttger "absichern" sollte. Doch Böttger meldete sich beizeiten beim Delegationsleiter Frank Kessler, dem Sohn des Verteidigungsministers der DDR, ab und suchte in Prag Petr Uhl, ein Mitglied der Menschenrechtsgruppe Charta 77, auf. Der regimekritische Pfarrer Rudi Pahnke durfte nach Bonn reisen. "Ich hatte mir schon ausgemalt, wie ich auf dem Bonner Marktplatz vor Tausenden die Reformpolitik von Gorbatschow loben würde", erinnert sich der heute 64 Jahre alte Pahnke. Doch statt dem Jubel der Bundesbürger erlebte Pahnke einen Abend in einem Saal der Studentengemeinde, in den die Veranstalter nach stundenlangem Telefonieren 17 Leute beordert hatten. "Das war eine reine DKP-Veranstaltung, vollkommen lächerlich", sagt Pahnke heute. Auch auf der anderen Seite der Mauer gab es Enttäuschung. Eine DKP-Genossin beklagte sich über "Konsumverhalten" und "Gleichgültigkeit" in der DDR. "Zu Hause habe sie in der Wohnung Bilder von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. In ihrer Unterkunft im Studentenwohnheim der Päd. Hochschule Potsdam hängen Otto, Peter Maffey und andere", schrieb ein Stasi-Informant.

Nach der Rückkehr Honeckers aus der Bundesrepublik wurden einige geplante Pilgerzüge von der SED unterbunden. Die Polizei ging härter gegen kritische Losungen vor. Dennoch erlebten die Bürgerrechtler in der DDR die Tage im September als Beginn einer neuen Zeit. Mancher hatte in den vergangenen Monaten Gorbatschow-Reden vervielfältigt, im Sommer war der "Kirchentag von unten" gegründet worden - nun wurden unabhängige Demonstrationen geduldet. Das Gefühl, ein Tauwetter habe eingesetzt, war bei den Bürgerrechtlern verbreitet. "Wenn es einmal Hoffnung gab, dann damals", sagt Meckel heute. Wenige warnten, die Hoffnungen seien naiv. "Ich war nicht von dem Glauben beseelt, dass das ein Durchbruch sein könnte", sagt die ehemalige Bürgerrechtlerin Freya Klier.

Im November kam das böse Erwachen: Ein Stasi-Kommando drang in die Umweltbibliothek in der Zionskirche in Berlin ein und verhaftete vier Mitarbeiter. Dass die Kirche, bisher ein sicherer Zufluchtsort, vom Staat nun als Jagdgebiet freigegeben wurde, schockierte viele. "Da war klar, was wirklich Sache ist", sagt Meckel. "Jede Illusion war da endgültig geplatzt", pflichtet ihm Pahnke bei. Die Freiheit der Septembertage war nur zum Vorzeigen gewesen. Doch auch das machte Appetit. Es dauerte noch zwei Jahre, dann fiel die Mauer.

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