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Freihandel : In Lateinamerika bleibt Skepsis

  • -Aktualisiert am

Wenn Amerika frei handelt, könnte die EU außen vor bleiben Bild: dpa

In Lateinamerika stößt die gesamtamerikanische Freihandelszone auf Kritik. Auch für den Handel mit Europa birgt sie Risiken.

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          Die Zeiten, in denen sich Amerikas Staatsoberhäupter ungestört zum Plausch über Handelsfragen, Demokratie oder Strategien des „Drogenkriegs“ versammeln konnten, sind vorbei. Im kanadischen Québec wollte US-Präsident George W. Bush bei seinem ersten Auftritt auf der Bühne der kontinentalen Diplomatie dem Projekt der panamerikanischen Freihandelszone FTAA neuen Schwung verleihen. Doch es kam anders.

          Wegen der immer lautstärkeren Protestbewegung der Freihandelsgegner wurde Brasiliens Präsident Fernando Henrique Cardoso in die Rolle des Gegenparts gedrängt. Ungewohnter deutlich artikulierte er einige der Ängste, die viele Lateinamerikaner in Bezug auf die FTAA umtreiben: Der Globalisierungsprozess dürfe nicht zu einem „unaufhaltsamen Abstieg zur kulturellen Homogenisierung“ werden. Zu beseitigen gelte es „die tiefe Ungerechtigkeit der Einkommen und der Lebensverhältnisse, sowohl innerhalb der Länder wie auch zwischen den Ländern“.

          Freihandel auf Gegenseitigkeit

          Für Brasiliens Regierung sei die FTAA zwar willkommen, allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen. So müssten der „Zugang zu dynamischeren Märkten“ gewährleistet, einheitliche Anti-Dumping-Regeln erarbeitet sowie nichttarifären Hürden und „protektionistische Verzerrungen“ von Gesundheitsbestimmungen abgebaut werden. Der Schutz des geistigen Eigentums dürfe dem Ausbau der „technologischen Möglichkeiten unserer Völker“ nicht entgegenstehen. Schließlich forderte Cardoso, die „Asymmetrien“ im Agrarsektor zu korrigieren. Andernfalls wäre die FTAA „unerwünscht“.

          Das Plädoyer des brasilianischen Präsidenten für einen Freihandel auf Gegenseitigkeit ist zugleich ein Eingeständnis, dass Lateinamerika von der einseitigen Öffnung seiner Märkte nicht wie erhofft profitiert hat. Für den chilenischen Präsident Ricardo Lagos hat Cardoso die „Schlüsselthemen der Verhandlung auf den Tisch gelegt.“ Der Skeptiker Hugo Chávez bezeichnet die bisherige ökonomische Integration gar als „Tragödie.“ „Seit 1994, als das FTAA-Projekt lanciert wurde, sind die Armen noch ärmer geworden,“ sagte Venezuelas Präsident.

          Mercosur in der Krise

          Den Argentiniern stellte George W. Bush in Québec weitere Finanzhilfen für die Bewältigung ihrer akuten Wirtschaftskrise in Aussicht. Auch die südamerikanische Zollunion Mercosur zwischen Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay hat unter den Turbulenzen in Buenos Aires zu leiden: Auf Druck des argentinischen Wirtschaftsministers Domingo Cavallo wurden bereits im März die gemeinsamen Einfuhrzölle bis Ende 2002 ausgesetzt. Und auch bei den Verhandlungen über die FTAA und über eine Freihandelszone mit der Europäischen Union ziehen die Mercosur-Partner nicht immer an einem Strang.

          Handel mit Europa gefährdet

          Noch ist die EU der wichtigste Handelspartner des Mercosur. Auf das Zustandekommen der weltweit ersten interregionalen Freihandelszone setzen die Südamerikaner große Hoffnungen. Zu 85 Prozent sei das Abkommen mit der EU bereits ausgehandelt, heißt es in Brasília. Das größte Kopfzerbrechen bereitet dem Mercosur die protektionistische EU-Agrarpolitik.

          Wenn Europas Märkte den südamerikanischen Agrarimporten weiter geöffnet werden, dann dürfte auch der Handel in der Gegenrichtung zunehmen. Andernfalls droht sich mit der FTAA die Geschichte zu wiederholen: Allein 1994 und 1995, zu Beginn des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (Nafta), gingen die EU-Exporte nach Mexiko um drei Milliarden Dollar zurück.

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