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Frauenquote : Nicht ernst gemeint

Auch im Familienministerum unter Ministerin Kristina Schröder ist die Frauenquote nicht erfüllt Bild: dpa

Die Frauenquote soll Gleichberechtigung im Beruf bringen. Eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für Frauen und Familie muss stattfinden, doch die Quote berücksichtigt nicht die unterschiedlichen Lebensvorstellungen der Betroffenen.

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          Es gibt tatsächlich junge Frauen, die nicht verstehen, warum eine Mutter auf den Gedanken kommt, Teilzeit zu arbeiten: Am Tag der Geburt, gewiss, da könne man wohl nicht zur Arbeit erscheinen – danach aber doch sofort. So redet, wer eine gute Ausbildung, aber selbst noch keine Kinder hat. Wer jung, ungebunden, flexibel ist und dazu auch noch gut aussieht, der lebt tatsächlich in einer anderen Welt. In dieser Lebensphase wird in der Regel niemand diskriminiert. Selbst in Branchen, die als frauenfeindlich gelten, werden Männer und Frauen zu gleichen Teilen eingestellt.

          Ein paar Jahre später, auf einer höheren Stufe der Hierarchie ist das Bild ganz anders. Daher ist es kein Zufall, wenn sich in der CSU viele junge Frauen entschieden gegen eine Quote in den oberen Rängen der Partei aussprechen, die älteren, die lebenserfahrenen, die mit Familie aber oft dafür sind. Und darum geht es letztlich bei diesem Thema: Wie kann man eine Familie haben und trotzdem arbeiten? Und idealerweise nicht, weil man arbeiten muss, sondern weil man Freude daran hat; weil man die frei gewählte Ausbildung auch anwenden möchte. Das ist eine Kernfrage der Zukunft unserer Gesellschaft.

          Quote kann auch diskriminieren

          Nun zeigt die Praxis des Erwerbslebens, dass es Diskriminierung gibt, und zwar nicht nur die von Frauen. Mit einigem Recht lässt sich sagen, dass gewisse Formen der Diskriminierung sogar zur Marktwirtschaft gehören, auch zur sozialen: Man wählt den einen als Vertragspartner, Mieter oder Angestellten und gibt dem anderen somit einen Korb, aus welchen inneren Gründen auch immer. Die offene Diskriminierung freilich ist in Deutschland schon aufgrund europäischer Vorgaben ohnehin verboten.

          Natürlich gibt es trotzdem weiterhin Ungleichbehandlungen – von Frauen, von Vätern, von Eingewanderten und ihren Kindern. Hier wäre eine Quotenregelung — die auch nach dem Machtwort der Kanzlerin weiterhin gefordert wird — durchaus angebracht. In den Parteien und im öffentlichen Dienst hat die Quote zweifellos schon etwas bewirkt. Sie schießt nur durch ihre zwanghafte Breitenwirkung weit über das Ziel hinaus. Die Quote will auch da fördern, wo es nichts zu fördern gibt — und diskriminiert somit aufs Neue.

          Verbesserung muss sein

          Eine Frauenquote wäre schließlich ein tiefer Eingriff in die ohnehin gegängelte Wirtschaft, der vermutlich weitere Antidiskriminierungsmaßnahmen nach sich ziehen würde. Auch das Bundesverfassungsgericht (in der neuen Zusammensetzung mit mehr Richterinnen) könnte darüber nachdenken, seine bisherige Gleichstellungspolitik bis weit in den privaten Lebensbereich auszudehnen; etwa mit der Folge, dass Clubs, die bisher nur Männer aufnehmen, zur Änderung ihrer Satzung gezwungen würden. Nein, auch der Hinweis auf Norwegen, das eine Frauenquote für die Führungsgremien und eine erfolgreiche Wirtschaft hat, reicht als Begründung nicht aus. Denn inwieweit das eine mit dem anderen zu tun hat, ist keineswegs gewiss.

          Richtig bleibt indes, dass die Rahmenbedingungen für Frauen und für Familien weiter verbessert werden müssen, auch am Arbeitsplatz. Schon bestehende Regeln sind mit Leben zu füllen. Das Wort Teilzeit scheint noch immer mit einem Makel behaftet zu sein; Teilzeit klingt nach Freizeit. Dabei arbeiten auch viele der angeblich Unentbehrlichen Teilzeit – nur heißt das nicht so.

          Quote hilft nicht

          Mancher Manager oder Partner in einer Firma ist auf Fortbildung, in der inneren Emigration oder aus anderen Gründen nicht anwesend. Nicht selten wird das aus Gründen der Unternehmenskultur geduldet. Selbst der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank musste notgedrungen ein halbes Jahr lang eine nicht unwesentliche Auszeit nehmen – er saß auf der Anklagebank. Es ist nicht bekannt, dass deshalb seine Bezüge reduziert worden wären, obwohl er faktisch Teilzeit gearbeitet hat. All das zeigt: Das Gerede von der dauerhaften und körperlichen Präsenz, die gewisse Positionen angeblich erfordern, ist nur Ideologie. Letztlich kommt es auf die Begründung an. Und der Grund „Familie“ wird bisher nicht allgemein akzeptiert.

          Hilft da die Quote? Zumindest lässt sie unberücksichtigt, dass sich nicht alle Frauen am Rattenrennen in der sogenannten freien Wirtschaft beteiligen wollen. Man muss nicht unbedingt in dem Streit Stellung beziehen, ob Männer und Frauen von Geburt aus anders seien (was für die meisten irgendwie auf der Hand liegt) oder ob Unterschiede zwischen den Geschlechtern vor allem anerzogen würden (was meist Kinderlose behaupten). Nicht alle Frauen wollen sich jedenfalls von professionellen Beraterinnen sagen lassen, dass sie in Konferenzen stets das Alpha-Männchen angucken sollten. Und falls das Folgen haben sollte, finden sie sich damit ab.

          Im Übrigen ist es bezeichnend, dass es nicht einmal im Staatsdienst gelingt, wichtige Positionen mit Frauen zu besetzen – was bei politischen Stellen ein Leichtes wäre. Das gilt nicht zuletzt für das Bundesfamilienministerium, in dem es unter der jungen, jetzt schwangeren Ministerin nur eine weibliche Abteilungsleiterin gibt. Und dann soll der Staat privaten Unternehmen vorschreiben, wie sie ihre Führungsgremien zu besetzen haben? Nein, die Forderung nach einer Quote kann nicht ernst gemeint sein.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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