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Frauen in Indien und Pakistan : Die unterdrückten Dienerinnen

  • -Aktualisiert am

Über alle ethnischen, religiösen und kulturellen Grenzen hinweg wird Frauen in Indien und Pakistan die Rolle von unmündig Dienenden zugewiesen. Bild: Illustration Kat Menschik

Über alle ethnischen, religiösen und kulturellen Grenzen hinweg wird Frauen in Indien und Pakistan die Rolle von unmündig Dienenden zugewiesen. Ohne sie würde alles zusammenbrechen.

          4 Min.

          Mohamed lebt in Karachi. Er arbeitet als Informatiker bei einer britischen Firma. Als ich ihn wieder einmal besuche, ist er freudig überrascht. Während wir einander gegenübersitzen, über Belanglosigkeiten sprechen, schaut er immer wieder ungeduldig zur Eingangstür seiner Wohnung hin. Ich frage ihn, ob er jemanden erwarte. Es sei ihm sehr peinlich, antwortet er, dass er mir keinen Tee anbieten könne. Seine Frau hätte sich vermutlich verspätet. Ich bitte ihn, mich in seine Küche zu begleiten, denn Teezubereitung sei für mich kein Problem.

          Erstaunt und sprachlos schaut er zu, wie es mir leicht gelingt, die Dose mit Teeblättern, das Sieb und die Teekanne zu finden. Auch kann ich problemlos den Gasherd anzünden, das Wasser in einer Kanne zum Kochen bringen und den Tee aufgießen. Während wir den Tee trinken, meint mein Freund, es müsse für mich ja schrecklich sein, ohne eine Frau zu leben. Als ich ihm gestehe, dass ich auch mein Essen selbst zubereite, schüttelt er fassungslos den Kopf und schaut mich bemitleidend an.

          Mohamed ist stets ordentlich bekleidet. Das Hemd und die Hose sind tadellos gewaschen und gebügelt, die Schuhe sind glänzend poliert. Seine Frau sorgt dafür. Mein Freund kann sich blindlings auf ihre Zuverlässigkeit verlassen. Seine Schuhe muss er allerdings selbst schnüren.

          Die Bedürfnisse der Männer kennen

          Wenn Mohamed verreisen muss, packt seine Frau Amina den Reisekoffer; und sie weiß genau, was ihr Mann so alles braucht, wenn er sich auf eine Reise begibt. Zwei deutsche Freunde erinnern mich an Mohamed. Beide reisen gerne, doch es würde ihre Reiselust schmälern, würden sie den Koffer selbst packen. Zum Glück müssen sie nicht leiden. Denn auch ihre Frauen haben es gern, sie dienend bei guter Laune zu halten. Ich kenne andere deutsche Männer, die etwas auf dem Kasten haben. Ihnen gelingt die Welt leicht. Dennoch bekennen sie freimütig, dass sie nicht kochen können.

          Amina, Mohameds Frau, kennt all die Bedürfnisse der drei gemeinsamen Kinder. Sie weiß, was sie brauchen, um den Alltag in Würde und Anstand zu bestehen. Zweimal am Tag lässt sie es sich nicht nehmen, zu kochen. Die Küche ist eng. Klaglos bereitet sie in der brütenden Hitze die warmen Mahlzeiten vor. Sie hat gelernt, wie man den Tisch ordentlich aufdeckt. Nach dem Essen macht mein Freund es sich im Wohnzimmer bequem. Während Amina das Geschirr spült, spricht Mohamed über seine Arbeit in klimatisierten Räumen.

          Den Hungerlohn einer Putzfrau kann Mohamed problemlos verkraften. Putzmänner gibt es ohnehin nicht. Nicht alle Männer in Karachi sind so gut gestellt, dass ihren Frauen die tägliche Reinigung der Wohnung erspart bleibt. Da kann sich Amina wohl privilegiert wissen.

          Gebären, kochen, Kinder versorgen

          Die Frauen auf dem Lande sind noch leistungsfähiger. Sie können klaglos Gebären, Kochen, Kinder versorgen, Putzen und dergleichen mehr bewältigen. Darüber hinaus wird von ihnen erwartet, dass sie sich in der Landwirtschaft dienlich erweisen. Sie altern schnell. Es fällt jedoch nicht auf.

          Vermutlich ist es ungehörig, dass Männer sich dankend oder lobend über die Leistungen der Frauen zu Wort melden. Beispielsweise kocht eine Verwandte jeden Tag. Wenn ich bei ihr zu Besuch bin, genieße ich das wundervolle Essen. Ihr Mann ist bei den Mahlzeiten zugegen und isst fleißig mit. Ob es ihm schmeckt, kann man nur mutmaßen. Denn er pflegt während des Essens und auch danach zu schweigen. Wahrscheinlich ist es für ihn nicht sittsam, in meiner Anwesenheit ein Dankeswort an seine Frau zu richten. Frage ich ihn, ob ihm das Essen geschmeckt hat, dann nickt er so diskret, dass man es leicht übersehen kann.

          Über alle ethnischen, religiösen und kulturellen Grenzen hinweg wird Frauen die Rolle von unmündig Dienenden zugewiesen und als gesellschaftsfähig anerkannt. Ohne ihre aufopfernde Arbeit würde eine überwältigende Mehrheit der Männer in Indien und Pakistan hilflos wie kleine Kinder dastehen und allmählich verwahrlosen. Ihre Ohnmacht diesbezüglich ist offensichtlich, und dennoch strahlen sie ein Bewusstsein von Überlegenheit aus.

          Eine Bekannte von mir in Pakistan hat minutiös all die Arbeiten aufgezählt, die Ehefrauen in Indien und Pakistan von Sonnenaufgang bis spät in die Nacht verrichten. Sie ist mit der Wirklichkeit beider Länder vertraut, weil sie sich auch wissenschaftlich damit beschäftigt. Ihre Schlussfolgerung: Alles würde zusammenbrechen, wenn die Frauen – nicht nur des Subkontinents – für die Dauer von mehreren Stunden, beginnend mit dem Sonnenaufgang, unauffindbar verschwinden würden. Die Infrastruktur in allen Lebensbereichen würde spontan kollabieren. Nur die ganz Reichen mit ihrer Dienerschaft könnten davonkommen.

          Die Bekannte ist der Überzeugung, dass nur so die männlichen Herrschaften leibhaftig erfahren würden, welche verschwindende Rolle sie tatsächlich bei dem Aufrechthalten der obwaltenden Alltagswirklichkeit spielen. Gewiss, sie finanzieren ihre Familien, doch Frauen können dies genauso gut, wenn sie die Chance dazu bekommen. In zahlreichen Berufen sind Frauen auch in Indien und Pakistan erfolgreich tätig. Eine Minderheit zwar, doch genauso effizient wie die männlichen Berufsgenossen.

          Die Mehrheit der Männer hat es nicht gerne, soziale Verantwortung zu übernehmen. Ihren Infantilismus können sie jedoch blitzschnell abstreifen und zu Barbaren mutieren. Meint meine Bekannte.

          In der Tat vergeht kein Tag in Indien oder Pakistan ohne die brutale Ausübung männlicher Gewalt gegenüber Frauen. Sie manifestiert sich nicht nur in der Beschämung, Versklavung und Erniedrigung der Frauen. Während die Kühe vom hinduistischen Gebot der Gewaltlosigkeit profitieren, werden Frauen vergewaltigt, ermordet, mit Benzin begossen und angezündet. Die pakistanischen Männer wollen nicht tatenlos daneben stehen und erweisen sich der männlichen Gattung Indiens ebenbürtig. Selbst in Deutschland werden jährlich Hunderttausende Frauen Opfer von männlicher Gewalt, auch mit tödlichem Ausgang.

          Anmaßende Würde der Frau

          Wie Frauen vor den Augen ihrer eigenen Kinder geschlagen, getreten und bespuckt werden, habe ich als Kind selbst erlebt. Unsere Nachbarn konnten ihren Frauen den Samen spenden, sie jedoch nicht respektieren. Offensichtlich entglitt ihnen jegliche Kontrolle über sich selbst, weil sie die Würde ihrer Frauen als anmaßend empfanden.

          Tatsächlich strahlten ihre Frauen Güte und Sanftmut aus. Während die Männer sie schlugen, heulten ihre Kinder, meine Spielfreunde, ohnmächtig auf. Weinend stand ich da und verspürte das heftige Zittern meiner Beine.

          In Pakistan gibt es Frauengefängnisse. Vor den Toren dieser Gefängnisse stehen oft unschuldige Frauen und betteln darum, aufgenommen zu werden. Denn Frauenhäuser gibt es im Land der Reinen – das bedeutet das Wort „Pakistan“ – nicht. Im Gefängnis, so stellen sich diese Frauen vor, könnten sie nicht so leicht Opfer männlicher Willkür werden.

          Trotzdem sind es überwiegend Frauen, die auf die Straße gehen, um gegen den Terror der Islamisten zu protestieren. Die Mehrheit der Männer dagegen zieht es vor, ihr Mitleid vor den Toren der Moscheen abzugeben. Unerschüttert vom allgegenwärtigen Terror, unterwerfen sie sich fünfmal am Tag dem barmherzigen Allah.

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