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Franz Josef Jung im Gespräch : „Wir haben schon 65 Soldaten verloren“

  • Aktualisiert am

Archiv: Totenwache auf dem Fliegerhorst Jagel Bild: ddp

Der Bundestag muss in dieser Woche über den Einsatz deutscher Tornados in Afghanistan abstimmen. Doch die Lage dort wird immer gefährlicher. Interview mit Verteidigungsminister Jung über die deutschen Auslandseinsätze und einem Ehrenmal für tote Soldaten.

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          Der Bundestag muss in dieser Woche über den Einsatz der deutschen Tornados in Afghanistan abstimmen. Doch die Lage dort wird immer gefährlicher. Verteidigungsminister Franz Josef Jung spricht im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ über Auslandseinsätze der Bundeswehr, Truppenbesuche und ein Ehrenmal für die Toten in Berlin.

          Die EU-Verteidigungsminister haben in Wiesbaden beschlossen, 3500 Soldaten aus Bosnien-Hercegovina abzuziehen. Werden die Truppen irgendwann ganz verschwunden sein, Herr Jung?

          Wir haben den teilweisen Abzug beschlossen, weil die Lage in Bosnien erfreulich stabil ist. Bei einer so guten Entwicklung werden wir in vier Stufen nach der allgemeinen Lage alle europäischen Truppen abziehen können, ohne die bisherigen Erfolge zu gefährden.

          Rechnet mit Mehrheit für den Tornado-Einsatz: Franz Josef Jung
          Rechnet mit Mehrheit für den Tornado-Einsatz: Franz Josef Jung : Bild: AFP

          Wann?

          Mein bosnischer Kollege ist zuversichtlich, dass es Ende des Jahres 2008 soweit sein wird. Ich kann mich jetzt noch nicht festlegen. Gerade weil Deutschland derzeit die Ratspräsidentschaft in der EU innehat, empfiehlt es sich nicht, Mutmaßungen anzustellen.

          Der Kongo-Einsatz europäischer Truppen ist zwar im geplanten Zeitraum beendet worden. Seine Vorbereitung war allerdings kein Glanzstück europäischer Zusammenarbeit. Haben Sie das im Kreis der Minister angesprochen?

          Ja, denn solche Schwierigkeiten bei der Truppenrekrutierung dürfen sich nicht wiederholen. Wir waren uns einig, dass die Europäische Union ihre Fähigkeit zur Planung und Führung verbessern muss.

          Soll das institutionelle Folgen haben, soll etwa neben den bisherigen Hauptquartieren in fünf der Mitgliedstaaten ein gemeinsames europäisches entstehen?

          In den EU-Gremien wird über diese Frage diskutiert, aber eine Entscheidung gibt es noch nicht.

          In der Nato wird immer wieder darüber debattiert, ob Deutschland sich in Afghanistan nicht um die gefährlichen Aufgaben drückt. Haben die EU-Partner auch solche Fragen gestellt?

          Weder unterstellen das die Nato-Partner noch die in der Europäischen Union. Im Gegenteil, alle begrüßen, dass Deutschland Aufklärungs-Tornados nach Afghanistan schicken will.

          Die Bundestagsabgeordneten begrüßen das nicht alle. Rechnen Sie für die Abstimmung in der kommenden Woche im Parlament mit einer soliden Mehrheit?

          Ich bin zuversichtlich, dass es eine breite Mehrheit für die Entsendung der Aufklärungs-Tornados gibt.

          Die Unionsfraktion steht?

          Ja. Trotzdem rechne ich damit, dass der ein oder andere wegen seiner Bedenken nicht zustimmen wird. Ich werbe allerdings um jede Stimme, denn die Soldaten brauchen die Unterstützung der Politik. Sie riskieren schließlich ihr Leben für unsere Freiheit und ein Leben in Frieden.

          Wie viele Soldaten sind in ihrer Amtszeit als Verteidigungsminister gewaltsam im Einsatz ums Leben gekommen?

          Zum Glück keiner, dafür bin ich dankbar. Aber wir haben schon 65 Soldaten verloren, seit Deutschland an Auslandseinsätzen teilnimmt. So etwas kann jeden Tag passieren.

          Wo ist der Unterschied zwischen einem Polizeiwachtmeister, der bei der Kontrolle eines Rauschgifthändlers in Frankfurt stirbt und einem Bundeswehrsoldaten, der in Afghanistan von den Mordbanden der Drogenbarone umgebracht wird?

          Es wäre ganz falsch, Tote gegen Tote aufzurechnen. Beide, der Soldat genauso wie der Polizist, leisten ihren Beitrag für mehr Sicherheit in Deutschland. Der eine tut es fernab der Heimat, damit in Afghanistan nicht wieder Terroristen heranwachsen, die auch uns gefährden. Der andere tut es in Deutschland. Einen grundsätzlichen Unterschied mache ich da nicht.

          Dennoch sollen jetzt alle Soldaten mit einem Ehrenmal in Berlin gewürdigt werden.

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