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Frankreichs Sozialisten : Flügelkampf an der Wahlurne

  • Aktualisiert am

Benoît Hamon Bild: EPA/REX/Shutterstock

Frankreichs Sozialisten entscheiden heute über ihren Kandidaten für die Präsidentenwahl. Mit Benoît Hamon und Manuel Valls stehen einander Vertreter der beiden Parteiflügel gegenüber.

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          Es ist ein Showdown zwischen dem linken und rechten Parteiflügel: Bei der Präsidentschaftsvorwahl von Frankreichs Sozialisten tritt der Parteilinke Benoît Hamon als Favorit gegen den unternehmerfreundlichen früheren Premierminister Manuel Valls an. Die Wahl dürfte auch über die künftige Ausrichtung der zerstrittenen Partei entscheiden. Die beiden Kandidaten im Porträt:

          Benoît Hamon: Der „kleine Ben“ hat große Pläne

          Der Parteilinke galt im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur lange als blasser Außenseiter – nach seinem überraschenden Sieg in der ersten Vorwahlrunde ist er jetzt klarer Favorit. Der Abgeordnete und frühere Bildungsminister hat viele von Präsdient François Hollande enttäuschte Wähler mit einem stramm linken Programm für sich gewonnen. Er will die im vergangenen Jahr verabschiedete Liberalisierung des Arbeitsmarkts wieder zurücknehmen, die Arbeitszeit senken, den Cannabis-Konsum legalisieren und den Umweltschutz stärken.

          Vor allem aber wirbt der jugendlich wirkende 49-Jährige für ein bedingungsloses Grundeinkommen von 750 Euro für alle erwachsenen Franzosen. Er setzte damit eines der am meisten debattierten Wahlkampfthemen. Fragen nach einer Finanzierung – die Kosten werden auf jährlich 400 Milliarden Euro geschätzt – weicht Hamon aus. Staatsschulden und ein hohes Defizit hält er aber ohnehin für zweitrangige Probleme. „Utopisch“ nennen Kritiker seine Pläne - Hamon spricht von einem Weg in eine „wünschenswerte Zukunft“.

          Der Bretone, Sohn eines später zum Ingenieur aufgestiegenen Werftarbeiters, gehört zu den linken Parteirebellen, die Hollande im Laufe seiner Amtszeit die Gefolgschaft versagt haben. Zunächst Verbraucher- und dann Bildungsminister, verließ er im Sommer 2014 nach Kritik am Spar- und Reformkurs des Präsidenten die Regierung. Als Abgeordneter unterzeichnete er im Streit über unternehmerfreundliche Wirtschaftsreformen dann zwei Mal Misstrauensanträge gegen die sozialistische Regierung.

          Hamon, von Parteifreunden halb liebevoll, halb spöttisch „kleiner Ben“ oder „kleiner Benoît“ genannt, galt nie als übertrieben ehrgeizig oder besonders charismatisch. Der Hobby-Rugby-Spieler trat 1987 in die Sozialistische Partei ein, wurde später Anführer der Jungsozialisten und arbeitete Ende der neunziger Jahre für die damalige Arbeitsministerin Martine Aubry. Als die Grande Dame der Parteilinken 2008 den Vorsitz der Sozialisten übernahm, wurde Hamon Parteisprecher.

          Nach fünf Jahren Hollande will der zweifache Vater, der mit einer Managerin des französischen Luxuskonzerns LVMH liiert ist, die Sozialisten wieder weiter links verankern – und ist auf dem besten Weg zur Präsidentschaftskandidatur.

          Manuel Valls: Dem Ex-Premier droht ein Debakel

          Der Elysée-Palast ist schon seit langem das Ziel des ehrgeizigen und durchsetzungsstarken früheren Premierministers. Manuel Valls drängte den unpopulären Hollande dazu, auf eine erneute Präsidentschaftskandidatur zu verzichten und ihm damit Platz zu machen. Doch nachdem der zunächst siegesgewisse 54-Jährige in der ersten Vorwahlrunde nur auf dem zweiten Platz landete, droht ihm ein Debakel: Gegen seinen früheren Minister Hamon ist er plötzlich Außenseiter.

          Denn der Vertreter des reformorientierten rechten Sozialistenflügels verkörpert die Regierungspolitik der vergangenen Jahre und damit die magere Bilanz von Präsident Hollande. Die Parteilinke – und überhaupt viele Linkswähler – hat er mit unternehmerfreundlichen Reformen und einem scharfen sicherheitspolitischen Kurs nach den islamistischen Anschlägen verprellt. Auch seine harte Haltung in der Flüchtlingskrise erzürnte viele Parteifreunde.

          Manuel Valls

          Viele Sozialisten werfen dem im Dezember als Premierminister zurückgetretenen Valls einen Verrat an linken Idealen und Prinzipien vor. Er selbst sieht sich als Verfechter einer pragmatischen, sozialdemokratischen Linken – und teilt gegen seine „ewiggestrigen“ Kritiker aus. Seinen häufig barschen Tonfall hat der in Barcelona geborene Ex-Innenminister im Duell mit Hamon beibehalten. Nach der ersten Wahlrunde warnte er, die Sozialisten hätten „die Wahl zwischen einer sicheren Niederlage und einem möglichen Sieg“ bei der Präsidentenwahl, und „die Wahl zwischen unerfüllbaren Versprechen und einer verantwortungsvollen Linken“.

          Der Vater von vier Kindern, in zweiter Ehe mit einer bekannten Geigerin verheiratet, muss sich darauf einstellen, dass die sozialistischen Wähler auf diese Warnung nicht hören – und sich für seinen Rivalen Hamon und damit für einen Linksruck der Partei entscheiden.

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