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Frankreichreise : Papst warnt vor Verdrängung des Christentums

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Zu Beginn seines viertägigen Besuchs in Frankreich hat Papst Benedikt XVI. um den laizistischen Staat geworben Bild: dpa

Benedikt XVI. würdigt in Paris Sarkozys Gedanken über eine neue „positive Laizität“. Genau zwei Jahre nach seiner Regensburger Rede hielt der Papst eine lange Vorlesung im Collège des Bernardins. Damals hatten seine Bemerkungen über den Propheten Mohammed zu Empörung in der islamischen Welt geführt.

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          Zu Beginn seines viertägigen Besuchs in Frankreich hat Papst Benedikt XVI. um den laizistischen Staat geworben. Staatspräsident Sarkozy, der den Papst schon auf dem Flugplatz begrüßte, entwickelte in einer langen Rede seinen Begriff der „positiven Laizität“ eines Staates, in dem Religion und Kirche ihren Beitrag zum friedlichen Wohlergehen der Bürger leisten können und sollen. Dem stellte der Papst klare Unterscheidungen zwischen Staat und Kirche entgegen.

          In seiner Ansprache an Repräsentanten des kulturellen Lebens warnte der Papst am Freitagabend, die westlichen Gesellschaften, Religion auf den privaten Bereich zu reduzieren und der christlichen Religion keinen Platz im öffentlichen Leben des Staates zu gewähren. Dadurch würde ein wichtiger Teil des europäischen Geistesleben, der Geschichte Europas und der sozialen Dimension des Menschen verloren gehen.

          Genau zwei Jahre nach seiner Regensburger Rede

          Benedikts hielt seine lange Vorlesung im Pariser Collège des Bernardins über die christliche Kultur im Spannungsfeld zwischen Glaube und Vernunft, Religion und Wissenschaft genau zwei Jahre nach seiner Regensburger Rede. In der dortigen Universität hatte Benedikt die europäische Geistesgeschichte als Suche nach einem vernunftgemäßen Gott ohne die Vernunftwidrigkeit der Gewalt dargestellt und war dabei der Frage nach dem Verhältnis zwischen Religion und Gewalt auch im Hinblick auf den Islam nachgegangen. Seine Bemerkungen über den Propheten Mohammed mit der Verwendung eines mittelalterlichen Zitats über Mohammed als vermeintlichen Gewaltprediger („nur Schlechten und Inhumanes“) hatten zu Empörung in der islamischen Welt geführt.

          Die jetzigen Bemerkungen des Papstes wurden verstanden als Warnung davor, dass aggressive Religionen oder religiöse Gemeinschaften das traditionelle Christentum aus seinem kulturell bewährten Platz in den pluralistischen Gesellschaften verdrängen könnten. „Es wäre ein Verhängnis, wenn die europäische Kultur von heute Freiheit nur noch als Bindungslosigkeit auffassen könnte und damit unvermeidlich dem Fanatismus und der Willkür in die Hand spielen würde“, sagte der Papst.

          „Hoffnungsvolle Zukunft“ suchen

          Schon in seinen ersten Worten im Elysée-Palast hatte Benedikt deutlich gemacht, dass er nicht gekommen sei, an Rechte und Privilegien der Kirche in der Vergangenheit zu erinnern, sondern um die Rolle der katholischen Bürger, die noch immer trotz unterschiedlicher und oft schwacher Bindungen an die Kirche die Mehrheit in Frankreich bilden, für eine „hoffnungsvolle Zukunft“ zu suchen. Selten zuvor hat ein Papst bei einer Visite so geschmeichelt wie Benedikt den Franzosen, was durch die wichtige Rolle des französischen Katholizismus für die Römische Kirche seit dem 2. Jahrhundert gerechtfertigt sei, wie der Papst ausführte.

          „Sie sollen wissen“, wandte sich der Papst an die französischen Politiker, „dass Frankreich sehr oft im Mittelpunkt des Gebetes des Papstes steht.“ Er könne „all das, was dieses Land im Laufe von zwanzig Jahrhunderten der Kirche gegeben hat, nicht vergessen“, sagte Benedikt. Das ganze Land zeige mit „Tausenden Kapellen, Kirchen, Abteien und Kathedralen, welche die Zentren der Städte oder abgeschiedene Gegenden zieren“, und mit seiner Geschichte, „dass die Wurzeln Frankreichs - wie die Europas - christlich sind“, wie Sarkozy es schon dargelegt hatte. Für die Beziehungen zwischen Kirche und Staat, so Benedikt, gelte die Lösung, die bereits Christus geliefert habe: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“ Gegenwärtig erfreue sich die Kirche in Frankreich einer Ordnung der Freiheit. Das Misstrauen der Vergangenheit habe sich allmählich in einen sachlichen und positiven Dialog verwandelt, der sich zunehmend festige.“

          „Ein neues Nachdenken über den wahren Sinn“

          Benedikt würdigte Sarkozys Begriff der „positiven Laizität“. Er sagte: „Ich bin überzeugt, dass in dieser geschichtlichen Zeit, in der die Kulturen sich immer mehr verflechten, ein neues Nachdenken über den wahren Sinn und die Bedeutung der Laizität notwendig geworden ist. In der Tat ist es grundlegend, einerseits auf die Unterscheidung zwischen politischem und religiösem Bereich zu bestehen, um sowohl die Religionsfreiheit der Bürger als auch die Verantwortung des Staates, die er ihnen gegenüber hat, zu gewährleisten, und sich andererseits deutlicher der unersetzlichen Funktion der Religion für die Gewissensbildung bewusst zu werden und des Beitrags, den die Religion gemeinsam mit anderen zur Bildung eines ethischen Grundkonsenses innerhalb der Gesellschaft erbringen kann.“

          Benedikt äußerte seine Sorge über die soziale Situation der westlichen Welt, „die leider durch eine schleichend wachsende Distanz zwischen Reichen und Armen gekennzeichnet ist“. „Um die Schwachen zu schützen und ihre Würde zu fördern, versucht die Kirche - ebenso wie andere - häufig, unmittelbar Abhilfe zu schaffen, aber es ist Sache des Staates, Gesetze zu erlassen, um die Ungerechtigkeiten zu beseitigen.“ Während seiner EU-Ratspräsidentschaft sei „Frankreich, das von seiner Geschichte her ein feines Gespür für die Versöhnung der Völker hat, dazu berufen, Europa zu helfen, innerhalb seiner Grenzen und auf der ganzen Welt den Frieden aufzubauen.“ Zum Abschluss seiner Rede erweiterte Benedikt die Ideale der Französischen Revolution, indem er den Politikern für „Ihre schöne Nation“ wünschte, „dass Gott ihr Frieden und Wohlergehen, Freiheit und Einheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gewähre“.

          An diesem Samstag wird der Papst, nach einer feierlichen Pontifikalmesse vor dem Invalidendom in Paris, nach Lourdes aufbrechen. Er begehe dort „die Feier des 150. Jahrestags der Erscheinungen der Jungfrau Maria in Lourdes“.

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