https://www.faz.net/-gpf-a3r2n

Humanitäre Katastrophe: Ganz von Kuchenteig umhüllt Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Das Volk ist doch nicht blöd

Eine Zumutung ist es, das Corona-Virus. Aber gewiss keine demokratische.

          2 Min.

          Ist das nicht seltsam? Darum, was als Haltung korrekt sei – zum Klima, zum Virus, zum Altherrenwitz –, wird erbittert gestritten. Doch kaum jemanden stört es, wenn dies in schlampigem Deutsch geschieht. Auch Politikern und ihren Stäben würde es nicht schaden, ab und zu das Handy aus der Hand zu legen und stattdessen zu Wolf Schneiders „Deutsch für Profis“ zu greifen. Der Journalismus-Lehrer schrieb das Buch zwar schon im vergangenen Jahrhundert, als Twitter und Co. noch nicht einmal Albträume waren. Doch auch und gerade im Zeitalter der digitalen Revolution sind seine Empfehlungen so nötig wie eh und je. Das zeigt uns auch ein Blick in „Das Magazin der Bundesregierung“, das sich aus gegebenem Anlass mit der deutschen Einheit beschäftigt.

          In dessen „Editorial“ wiederholt die Bundeskanzlerin ihre Äußerung, das Coronavirus sei „für uns alle, auch für mich, eine demokratische Zumutung“. Für uns alle? Wir sitzen selbst im Glashaus und wollen daher allenfalls mit Sandkörnchen werfen. Aber wer, der Schneider („Qualität kommt von Qual“) einmal persönlich erlebte, könnte sein 7. Kapitel vergessen? Es rät: „Weg mit den Adjektiven!“, insbesondere solchen, die „die Logik auf den Kopf stellen, weil sie aufs falsche Substantiv bezogen werden“. Und das scheint uns bei der neuen Lieblingsformel der Kanzlerin eindeutig der Fall zu sein.

          Eine demokratische Zumutung wäre das Virus ja nur, wenn es auf demokratischem Wege zu einer Zumutung geworden wäre. Also etwa so wie Donald Trump, Boris Johnson und Jair Bolsonaro. Im Falle von Sars-CoV-2 aber trifft das nicht zu, weil ja nicht einmal der Fledermausmarkt von Wuhan demokratisch verfasst ist, ganz zu schweigen von ganz China. Und auch keine uns bekannte Verschwörungstheorie geht davon aus, dass das deutsche Volk sich in freier Selbstbestimmung das Virus gegeben hat. Es ist doch nicht blöd. Das Volk.

          Nein, dieser Erreger ist so wenig demokratisch legitimiert wie die humanitäre Katastrophe, von der man ebenfalls immer wieder einmal liest. Auch bei ihr handelt es sich meistens um einen Denkunfall, denn nur in den seltensten Fällen ist damit ein besonders menschenfreundliches Unglück gemeint. Ein solches ereignete sich zum Beispiel, als Max und Moritz in den Kuchenteig stürzten.

          Aber manchmal gehen die Assoziationen einfach mit einem durch. Zu verfolgen war das auch in den jüngsten Diskussionen über unseren „Sauerland-Trump“, wie Friedrich Merz nach einem Bericht der „Bild“-Zeitung von Parteifreunden genannt wird. Merz war – was für eine Zumutung! – aus heiterem Himmel gefragt worden, ob er Vorbehalte gegen einen schwulen Bundeskanzler hätte (hier ist das Adjektiv übrigens unerlässlich, wird aber auch richtig gebraucht). Nach Merzens Antwort wurden wieder jede Menge Vorbehalte gegen ihn geäußert, die er als „bösartig konstruiert“ zurückwies, was zwar auch ohne das Umstandswort gegangen, aber viel zu lasch erschienen wäre. Denn Merz hat ja gegen kein Verhältnis etwas, „solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft“.

          Trump geht auf Nummer sicher

          Die Beziehung zwischen dem FDP-Vorsitzenden Lindner und seiner früheren Generalsekretärin Teuteberg wäre für den CDU-Politiker also selbst dann völlig in Ordnung gewesen, wenn sie nicht nur aus 300 morgendlichen Telefonaten bestanden hätte. Doch auch in einem reinen Arbeitsverhältnis kann der Wurm drin sein, selbst noch nach dessen Beendigung, wie Lindners „ausgesprochen missverständliche“ Formulierung auf dem Parteitag zeigte, für die er sich hernach öffentlich entschuldigte, „wenn damit Gefühle verletzt wurden bei Linda und anderen Beobachterinnen oder Beobachtern“.

          „Wenn“ – sicher ist Lindner sich also nicht, ob sein Witz auch wirklich zu einer Verletzung der Gefühle reichte. Donald Trump geht da von Anfang an auf Nummer sicher. Über die in Kalifornien geborene, dort lebende, aber ihn gewiss nicht wählende Herzogin von Sussex sagte der amerikanische Präsident unverblümt: „Ich mag sie nicht besonders.“ Er wünsche ihrem Ehemann „Harry viel Glück. Er wird es brauchen.“ So direkt lässt nicht einmal Putin erkennen, wen er für eine demokratische Zumutung hält. Man sei über die voranschreitende Genesung Alexej Nawalnyjs „erfreut“, hieß es aus dem Kreml. Aber auch bei diesem Prädikat weiß ja jeder, wie es wirklich gemeint ist.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.